Volksstimme: Wie würden Sie den Stand der deutsch-amerikanischen Beziehungen auf einer aufsteigenden Skala von eins bis zehn bewerten?
Russell Berman:
Mit acht.

Also recht gut. Wie begründen Sie das?
Die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit ist solide, fundiert und unerlässlich. Sie gründet sich auf eine tiefe und lange Geschichte und gemeinsame Werte. Die Deutschen haben eine große und progressive Rolle in der amerikanischen Kultur gespielt. Deutsche, die 1848 gegen die Truppen des späteren Kaisers Wilhelm I. gekämpft haben, emigrierten nach der gescheiterten Revolution, um später in Amerika gegen die Sklaverei der Südstaaten zu kämpfen. Wir teilen eine Geschichte der Freiheitsbewegung, die auch am 9. November 1989 zum Ausdruck kam.

Doch erleben wir gerade einen US-Präsidenten Donald Trump, der mit seiner rabiaten und unsteten Art Partnerschaft nicht fördert.
Es ist zu unterscheiden zwischen Wort und Tat und zwischen Politiker und Politik. Der Präsident hat einen bestimmten Stil und dazu gehört der Versuch, sein Gegenüber zu verunsichern. Aber ich denke, in seiner Politik liegt eine Logik.

Welche?
Das Leben der Amerikaner zu verbessern. Die Wirtschaft wächst. Trump hat die Arbeitslosigkeit auch für Minderheiten auf einen Rekordtiefststand gebracht. Gleichzeitig ist es gelungen, die Gehälter zu erhöhen. Zudem konnte der Frieden bewahrt werden. Ich möchte behaupten, dass Trump der friedliebendste Präsident seit den Zeiten vor dem Zweiten Weltkrieg ist. Das zeigt sich beim Iran: Trotz der Provokationen sagt er: Lasst uns reden ohne Vorbedingungen. Auch Präsident Obama hat die Truppenstärke im Ausland erhöht – Trump bisher nicht.

Aber ein anderer Konflikt belastet die Welt: der Zollkrieg mit China. Warum wird er geführt?
Seit der Öffnungspolitik Chinas bestand die Hoffnung, dass sich durch eine liberalisierte Wirtschaft das politische System positiv verändern würde. Das ist nicht eingetreten. Die Kommunistische Partei hat in einem Ein-Parteien-System das Sagen. Sie verbietet eine unabhängige Justiz, verachtet die Menschenrechte und betreibt einen Genozid an den Uiguren. Aber der Westen ist mit China wirtschaftlich eng verflochten. Der Kern ist, ob westliche Firmen, die in China arbeiten, endlich Rechtssicherheit bekommen zur Verteidigung ihrer Patente. Das ginge nur bei unabhängigen Gerichten, was für das chinesische System ein Erdbeben wäre. Es wird kommen, wenn auch nicht morgen. Aber wir sollten auf unsere Rechte bestehen. Und wenn China handeln will, muss es uns alle fair behandeln. Von dem, was die USA mit China versuchen, wird auch Europa profitieren.

In der restriktiven US-Zollpolitik gibt es auch die Zielrichtung EU und hier etwa die deutsche Autoindustrie. Warum gibt es diese Gangart unter Partnern?
Die Zölle, die auf Autos erhoben werden, sollten gleich sein. Nach meinem Wissen sind sie das nicht. Das ist eine komplexe Frage, weil hier auch Subventionen und somit Protektionismus eine Rolle spielen. Es wird Fortschritte geben, wenn es Deutschland gelingt, Brüssel zu überzeugen, auf breiter Front mit den USA zu verhandeln. Dazu gehört zum Beispiel auch der französische Agrarmarkt. 

Nun hat sich der US-Präsident auch regelrecht feindselig gegenüber Deutschland geäußert. Wie ernst ist das zu nehmen?
Es gibt eine wirtschaftliche Konkurrenz. Doch von einer Feindschaft zwischen den Ländern kann keine Rede sein. Deutschland ist populär in Amerika. Bei uns wird die klassische Musik genauso geschätzt wie das Oktoberfest. Zudem wird die Bundeskanzlerin in den USA sehr geschätzt. 

Wie ist es umgekehrt?
Ich glaube, das Ansehen der Vereinigten Staaten in Teilen der deutschen Gesellschaft ist nicht besonders gut. Das negative USA-Bild macht mir Sorgen. Ich wünsche mir, dass die hiesige politische Führung das aufnimmt. Wenn die transatlantischen Beziehungen wirklich wichtig sind, ist es nicht gut, wenn negative Bilder kursieren. Irgendwann wird die Politik Wege gehen, die die öffentliche Meinung vorgibt.

Was meinen Sie genau?
Ich denke, dass die Medien in der Bundesrepublik manchmal amerikanische Fragen einseitig behandelt. Bei der Berichterstattung über die jetzigen politischen Vorgänge in Washington werden die Fakten wiedergegeben und die Kritiker des Präsidenten wiedergegeben, aber nichts von den Verteidigern des Präsidenten. Das ist eine schädliche Einseitigkeit. 

Donald Trump will 2020 wiedergewählt werden? Glauben Sie, dass ihm dies gelingt?
Ich bin vorsichtig, aber mit 60 Prozent Wahrscheinlichkeit dürfte er wieder gewählt werden. Es läuft die Diskussion über seine Ukraine-Politik und eine mögliche Amtsenthebung. Bisher gibt es keine überzeugenden Beweise, der „rauchende Colt“ fehlt. Wenn er auf den Tisch kommen würde, kann sich manches ändern. Es gibt bisher auch keinen überzeugenden Gegner. Für Joe Biden sieht es nicht gut aus, die anderen chancenreichen Demokraten stehen weit links. Sie werden die Mitte, in der jede Wahl gewonnen wird, nicht mobilisieren können. 

Beim Syrien-Abzug hieß es, der Präsident lasse die Kurden im Stich. Ist auf Amerika kein Verlass mehr?
Auf Amerika war und ist Verlass. Soweit ich weiß, ist die PKK/YPG kein Nato-Mitglied. Insofern gibt es keine Bündnisverpflichtung im Gegensatz zur Türkei. Die USA hatten es mit zwei Verbündeten zu tun, die einander hassen. Auch die EU betrachtet die PKK als terroristische Organisation. Trump denkt, dass der IS fast völlig besiegt ist und das Ziel der amerikanischen Operation erfüllt ist. Deshalb der Truppenabzug von einem Präsidenten, der nicht im Krieg sein will. Auch hier gibt es Einseitigkeit in der Darstellung: die Türkei als Schreckensbild und die Kurden als unschuldige Helden. Helden mögen sie gewesen sein, unschuldig ist die PKK/YPG nicht. 

Vor 30 Jahren fiel die Mauer. Die Amerikaner waren bis dahin für Westdeutschland die Schutzmacht, im Osten nicht. Merken Sie noch Unterschiede in der Haltung zu den USA in West- und Ostdeutschland?
Natürlich sehen Leute, die sich mit Deutschland beruflich beschäftigen, Unterschiede. Es gab ein sehr enges Zusammenleben zwischen Amerikanern und Westdeutschen in der Zeit vor 89. Inzwischen sind viele Truppen abgezogen. Damit gibt es weniger Kontakte. Das rüttelt ein wenig am Amerika-Bild im Westen. In Ostdeutschland sind die USA seit 30 Jahren ein Verbündeter, der schützt. Es gibt hier aber nicht die tiefen Erinnerungen, nicht die vielen deutsch-amerikanischen Ehen. Das Verständnis für die USA ist in den alten Ländern größer als in den neuen. 

Liegt das nur an den früheren Verhältnissen?
In den anderen osteuropäischen Ländern gibt es fast überall einen Pro-Amerika-Bonus. In Ostdeutschland scheint es weniger Begeisterung für die USA zu geben als etwa in Polen oder Litauen. Ich glaube, das liegt daran, dass es dort keine Wiedervereinigung gab. Hier aber gibt es durch die Wessi-Ossi-Geschichte Ressentiments und das wird auf die Vereinigten Staaten übertragen. Das ist schade, denn auf zwischenmenschlicher Ebene gibt es gute Kontakte. Magdeburg ist partnerschaftlich mit Nashville verbunden. Es gibt großen Zulauf bei Amerika-Studien in Leipzig. Es läuft alles gut – wenn auch nicht in den Meinungsumfragen.