Kiew l Es war einer der weihevollsten Momente in der jüngeren ukrainischen Geschichte: Am 6. Januar 2019 wurde die Gründung einer eigenen orthodoxen Kirche durch Patriach Bartolomäus von Konstantinopel abgesegnet.

Die Zeremonie in Istanbul war vor allem ein Sieg für den ukrainischen Staatschef Poroschenko. Gibt es doch nun erstmal eine von Moskau unabhängige Staatskirche. Das wurmt die Kreml-Führung mächtig, obwohl die Gläubigen in der Ukraine nicht gerade scharenweise zur neuen Kirche überliefen.

Die dritte Säule

Poroschenko aber hat die dritte Säule seines Wahlgerüstes errichtet. Es fußt auf den Schlagworten Kirche, Armee und Sprache. Damit will er die Ukrainer hinter sich versammeln. Ganz standfest ist die Konstruktion nicht. Zwar hat sich seit der Maidan-Revolution im Februar 2014 mit Nato-Unterstützung bei der Armee einiges getan – der russischen Militärmacht aber hätte die Ukraine notfalls wenig entgegenzusetzen.

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Bleibt die Sprache. Ein einigendes Element ist das Ukrainische, das weicher klingt als Russisch und beim Nachbarn gern als „Bauernrussisch“ verspottet wird, allerdings auch nur bedingt. Im Osten wird meist Russisch gesprochen. In der Hauptstadt Kiew sind beide Sprachen übliches Verständigungsmittel. Ganz im Westen wiederum, in Transkarpatien, gibt es viel Ärger mit dem Ungarischen, das die ukrainischen Behörden der ungarischen Minderheit vergeblich abgewöhnen wollen.

Viel mehr als brüchigen Patriotismus hat der Schokoladen-Fabrikant Poroschenko nicht zu bieten. Unter denjenigen, die ihm das Amt streitig machen wollen, ist der Komiker und Fernsehproduzent Wladimir Selenski die schillerndste Figur. In der bekannten TV-Serie „Diener des Volkes“ kann er schon mal üben: Da spielt er einen Lehrer, der über Nacht Präsident wird und knallhart gegen die Vetternwirtschaft vorgeht.

Im wahren Leben ist Selenski kein Robin Hood. Bei Fernsehverträgen profitiert er von seinen Verbindungen zu Oli-garchen. Der Fernsehkomiker vertritt den russischsprachigen Südosten der Ukraine. Er will direkte Demokratie und den Mittelstand fördern – ein weiterführendes Programm hat er nicht.

Ein neuer Shooting-Star?

Dennoch: Wie sein Berufskollege Pepe Grillo in Italien mit seiner erfolgreichen „Fünf Sterne“-Bewegung könnte Wladimir Selenski in der Ukraine zum Shooting-Star in der Politik werden. Liegt er doch nach einer jüngsten Umfrage dreier Kiewer Institute mit 23 Prozent klar auf Platz 1. Poroschenko könnte demnach lediglich mit 16,4 Prozent rechnen. Selenski dürfte also mindestens in die Stichwahl kommen.

Wer es noch dahin schafft, ist bisher völlig offen. Eine sehr bekannte und extrem ehrgeizige Kandidatin liegt gegenwärtig mit knapp 17 Prozent auf Platz 3: Julia Timoschenko. Die frühere Ministerpräsidentin will es wieder wissen. Sie ist auferstanden wie die schöne Wasilisa aus dem russischen Märchen.

Mit Öl und Gas reich geworden in den anarchischen 1990er Jahren, hatte Timoschenko bei der „Orangen Revolution“ mit dem späteren Präsidenten Wiktor Juschtschenko das Zepter geführt. 2011 kam sie wegen dubioser Gastverträge zwischen der Ukraine und Russland in Haft. Nach dem Umsturz 2014 erklärte sie das Oberste Gericht für unschuldig.Die Bewegung „Vaterland“ soll Timoschenko zum höchsten Amt im Staate tragen.

Ob Komiker oder Polit-Veteranin: Wer das Land voranbringen will, muss bei der Wirtschaft ansetzen. Die Ukraine findet sich unter den ärmsten Ländern Europas wieder. Und zwar ganz hinten – mit der Republik Moldau.

Bei aller Bitterkeit über das verlorene Land (Krim) und besetzte Gebiete im Osten (Donbass) führt der Weg zum Aufschwung nur über eine Verbesserung der Beziehungen zu Russland. EU- und Nato-Mitgliedschaft sind Schimären, die den Ukrainern allein Sand in die Augen streuen.