Ottawa l Der Gipfel in Kanada ist lange zu Ende, da holt Donald Trump den Hammer raus. Alle Delegationen sind aus La Malbaie abgereist, die Pressekonferenzen gehalten, mühsam hatten sich die G  7 zu einer gemeinsamen Erklärung durchgerungen – da platzt dem US-Präsidenten in der Air Force One der Kragen. Einmal mehr schreibt Trump Geschichte auf Twitter: Längst auf dem Weg nach Asien, zieht er stocksauer die Unterstützung des Dokuments zurück. Was ist passiert?

In zwei wuchtigen Tweets gibt der Amerikaner dem Gastgeber des G  7 die Schuld, Kanadas Premier Justin Trudeau. Ein falsches Statement habe der nach dem Gipfel abgegeben, nachdem er sich zuvor so bescheiden und demütig gegeben habe. Unehrenhaft sei das und schwach, polterte Trump. Mit ihren Zöllen reagierten die USA doch nur auf die Handelspolitik Kanadas! Einmal mehr stellt er sein Land als Opfer dar. Schluss, aus, also doch keine gemeinsame Erklärung.

Spaltung in G  6 plus 1?

Ist das der Bruch der G  7? Der Vollzug der Spaltung in G  6 plus eins? Trump ist ein extrem empfindlicher Mann, er lässt sich buchstäblich von niemandem etwas sagen. Da darf Kanadas smarter Premier ihm nicht sagen, er lasse sich nicht herumschubsen. Trump will, dass nach seinen Regeln gespielt wird – und nur nach seinen. Wer das nicht tut, den trifft des Dünnhäutigen Blitz. Und wenn es, wie hier, auf dem Flug nach Singapur ist. Dort will Trump am Dienstag Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un treffen. Seine Anhängerschaft setzt auf nichts weniger als den Friedensnobelpreis für ihren Meister.

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Mit diesem Eklat treibt Trump den schon zuvor gesetzten Keil noch tiefer in die G  7. Er stößt sie in eine völlig ungewisse Zukunft. Dieser ganze Gipfel, er wirkte schon zuvor wie eine monumentale Hülle. Die Teilnehmer kamen aber rasch vom Wir zum Ihr und Ich, und es muss richtig zur Sache gegangen sein – lange bevor Trump dann schließlich der große Kragen platzte. Einen nach dem anderen, schreibt die „New York Times“, habe sich Trump zur Brust genommen und geklagt, wo genau das jeweilige Land die USA ausnehme oder blockiere. Mancher Gescholtene habe ziemlich zurückgekeilt, schreibt das Blatt.

In seiner abschließenden Pressekonferenz wählte Trump für sein Land – die größte Volkswirtschaft der Erde – das Bild eines „Sparschweins“, das von allen ausgenommen werde, aber damit sei jetzt mal Schluss. Wie selten zuvor düpierte der Amerikaner seine Partner. Vor dem Gipfel spreizte er sich, überhaupt zu kommen, auf dem Gipfel schenkte er Europäern und Kanadiern ein, am Ende klingelte er das Treffen satte fünf Stunden vor dem Ende ab und stieß markige Drohungen aus, während drinnen noch um Formulierungen gerungen wurde. Dann entschwand er, um Stunden nach Gipfelende den finalen Punkt zu setzen.

Trudeau war nach Ende des Gipfels in der Tat deutlich geworden. Er hatte keinen Hehl aus Meinungsverschiedenheiten mit dem südlichen Nachbarn in Washington gemacht, war inhaltlich hart geblieben: Das mit den Zöllen, das gehe so nicht. Er dürfte stellvertretend für viele gesprochen haben.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte sich nach dem Gipfel dagegen deutlich zahmer gegeben als zuvor. Macron sah tatsächlich eine „Beruhigung“ der G  7.

Trump hat diesen Gipfel dominiert wie niemand anders. Magnet aller Aufmerksamkeit, Bestimmer jeder Agenda, auch diesen Gipfel hat er eingeschmolzen in die große Reality Show, zu der er Politik umformt. Ob er seinen Vorschlag ernst meint, Russland wieder in eine Gruppe der G  8 zu holen, weiß man nicht. Es wird bis auf Weiteres eh nichts werden, weiß doch zunächst niemand, was nun passieren soll.

Parallele Universen

Gleichwohl wird sich die G  7 fragen müssen, ob die Zukunft dieses Formats tatsächlich darin bestehen kann, sich einmal im Jahr rituell in malerischer Abgeschiedenheit ihrer selbst zu vergewissern.

Am St.-Lorenz-Strom sind parallele Universen zutage getreten. In einem davon agiert Trump. Die Europäer beschworen dagegen die Gemeinsamkeit, wussten in diesem Moment der Wahrheit aber nicht so recht, wie sie diesen gestalten sollen. Ihnen bleibt erstmal nur Schadensbegrenzung.

Nach 70 Jahren westlicher Allianz bringen anderthalb Jahre Trump Europa nahe heran an ein fundamentales Eingeständnis. Dass eintritt, was man schon länger befürchtet: Es könnte vielleicht schiefgehen mit diesen USA. Man ist sich sehr fremd geworden. Da mochte Trump, noch in Kanada, die Beziehungen zu den anderen Lenkern noch so sehr als „perfekt“ beschreiben.

Trump geht weiter seinen Weg von Tag zu Tag. Eine irgendwie größere Landkarte gibt es nicht. Die gemeinsame Erklärung der G  7, sie wollte noch zudecken, was innerlich zerbröselt: Was ist ein wiederholtes Bekenntnis gegen Protektionismus im wirklichen Leben wert, wenn ein Handelskrieg droht? Manchmal klaffen die Welten weit auseinander.