Paris (dpa) | Feuerwehrmänner hissen gegen Mittag die Trikolore auf dem Eiffelturm. Wenige Stunden später kapituliert der deutsche Stadtkommandant General Dietrich von Choltitz. Und am Abend hält General Charles de Gaulle (1890 bis 1970), Chef der provisorischen Regierung Frankreichs, seine berühmt gewordene Rede im Herzen der französischen Hauptstadt: "Paris! Paris wurde gekränkt! Paris wurde gebrochen! Paris wurde gepeinigt! Aber Paris ist befreit!"

Es war ein dramatischer und chaotischer Tag in der Geschichte der Kapitale. Am 25. August 1944 endete mit der "Schlacht von Paris" die Nazi-Herrschaft, die über vier Jahre lang gedauert hatte. Die 2. Panzerdivision des "Freien Frankreichs" unter General Philippe Leclerc kam vom Südwesten und vom Süden in die Hauptstadt, die 4. US-Infanteriedivision näherte sich vom Südosten. In der Millionenstadt kam es vor 75 Jahren zu Kämpfen – beim Senat, bei der Militärschule oder auf dem Boulevard Saint-Michel.

Befreiung ist nicht vergessen

Ein dreiviertel Jahrhundert später sind die "dunklen Jahre" der Besatzung und Unterdrückung sowie die von frenetischem Jubel begleitete Befreiung nicht vergessen. Im Gegenteil. Das Erbe dieser Zeit ist aber alles andere als einfach, und es gibt immer noch Grauzonen.

So rücken beim Jubiläum an diesem Wochenende weitgehend unbekannte republikanische Kämpfer aus Spanien in den Vordergrund, die auf der Seite der französischen Befreier anrückten und zu den ersten Soldaten gehörten, die in die Innenstadt gelangten. Den Exilanten, die in ihrer Heimat gegen das Regime von General Francisco Franco gekämpft hatten, wird nun ein Wandgemälde im 13. Stadtbezirk gewidmet.

Befreiung seit D-Day erwartet

Die Metropole eröffnet zudem pünktlich zum Jahrestag ein "Musée de la Libération de Paris", ganz in der Nähe zu den bei Touristen beliebten Katakomben an der Place Denfert-Rochereau. Dabei bekommen zwei Persönlichkeiten eine besondere Hommage: General Leclerc, der eigentlich Philippe de Hautecloque hieß, und die Résistance-Ikone Jean Moulin. Museumsdirektorin Sylvie Zaidman macht deutlich, dass die Parisiens, wie die Hauptstadtbewohner auf Französisch heißen, die Befreiung seit der D-Day-Landung der Alliierten in der Normandie vom 6. Juni 1944 erwartet hätten.

"Natürlich gab es Kolloborateure und Leute, die mit den Deutschen Geschäfte gemacht haben", erzählt sie. "Aber die Mehrheit der Pariser wollte ein Ende der Besatzung." Im August 1944 sei dann die Spannung angestiegen, es gab Streiks und Straßenkämpfe. Über 600 Barrikaden wurden errichtet. "Manchmal wussten die Menschen nicht, von welcher Seite die Deutschen anrückten und auf welche Seite der Barrikade sie sich stellen sollten", sagte Zaidman der Deutschen Presse-Agentur. Zu dem neuen Museum gehört auch das unterirdische Hauptquartier des Chefs der Pariser Aufstands vom August 1944, Henri Rol-Tanguy (1908 bis 2002).

Paris war politisches Symbol

Historiker betonen, dass Paris für die alliierten Militärstrategen keine hohe Bedeutung hatte. Doch die Kapitale war im Kampf gegen Nazi-Deutschland ein kaum zu überschätzendes politisches Symbol; darauf wiesen damals die Franzosen häufig hin. Sogar im südamerikanischen Montevideo wurde nach der Befreiung von Paris auf der Straße getanzt, berichtet Jean-François Muracciole in seinem Werk über die "Libération".

Der deutsche Topmilitär von Choltitz (1894 bis 1966) ist als Retter der an Kunst- und Architekturschätzen reichen Stadt in die Geschichte eingegangen. Er habe den Befehl von Diktator Adolf Hitler verweigert, Paris zu verteidigen oder nur "als Trümmerfeld in die Hände des Feindes fallen" zu lassen – so oder ähnlich ist es häufig zu lesen und zu hören.

Hitlers Befehle nicht ausgeführt

Mit mehr zeitlichem Abstand verändert sich auch dieses Bild, zumindest in Frankreich. Der Adelige habe sich zwar Befehlen aus Berlin widersetzt, die Stadt entweder zu verteidigen oder zu zerstören, meint Museumschefin Zaidman. Von Choltitz habe aber anscheinend weder ausreichend Soldaten noch die Zeit gehabt, diese Befehle auszuführen, da sich die Ereignisse überstürzten. "In den Archiven findet man keine Entscheidungen des Generals, die Befehle Hitlers nicht auszuführen", resümiert die Expertin.