Stuttgart (dpa) l Die Turteltaube ist es, die Auen-Schenkelbiene ebenfalls, der Maulwurf gehört dazu und die Finger-Scharlachflechte. Mehr als 30 „Jahreswesen“ listet der Naturschutzbund (Nabu) für 2020 auf. Auch Einzeller (Dinoflagellat) und Höhlentiere (Mauerassel), Heilpflanzen (Wegwarte) und Pilze (Gemeine Stinkmorchel) werden ausgezeichnet. Nun gesellt sich das „Reptil des Jahres 2020“ zu den Ausgezeichneten – die Zauneidechse, wie am Donnerstag in Stuttgart bekannt gegeben wurde.

Eine unnötige Titel-Inflation? Keineswegs, sagt Axel Kwet, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde in Mannheim. „Man schenkt einem oft bedrohten Tier und seinem Lebensraum eine Aufmerksamkeit, die es braucht.“

Vögel, Wildtiere und Blumen, Wildbienen und Bäume seien Sympathieträger, nicht nur, wenn es um eine Würdigung gehe. „Aber Kriechtiere haben einen schlechten Leumund“, sagt Kwet, dessen Gesellschaft das „Reptil des Jahres“ benennt. Mal seien „sie giftig, mal eklig. Da ist es wichtig, dass man um Sympathie wirbt für ein wichtiges Anliegen.“

Aufmerksamkeit erzeugen – darum geht es auch dem Naturschutzbund (Nabu) Deutschland, der bereits seit 1971 den „Vogel des Jahres“ würdigt. „Aus unserer Sicht ist das ein riesiger Erfolg“, sagt der baden-württembergische Nabu-Landesvorsitzende Johannes Enssle. „Ich habe schon das Gefühl, dass das aufgegriffen wird und dass diejenigen, die naturbegeistert sind, sich auch damit beschäftigen.“

Gefährdere Arten hervorheben

Der Wert der Auszeichnung dürfte aber nicht bei der jeweiligen Art hängenbleiben, sondern müsse auch den Lebensraum und die Rahmenbedingungen adressieren. Mit den meisten „Jahreswesen“ sei eine Botschaft verbunden, sagt Enssle. „Man will auf eine Art aufmerksam machen, um die es entweder schlecht steht oder der es so gut geht, dass sie aus anderen Gründen im Mittelpunkt steht.“

Ein Beispiel dafür sei der Kormoran, der laut Bodenseefischern tonnenweise Fisch aus dem See frisst. Die Tiere ständen stellvertretend für einen Lebensraum oder ein Thema: Die Dohle für die besiedelten Kirchtürme, die Turteltaube für den Mangel an strukturreichen Agrarlandschaften.

Die Gesellschaft für Mykologie zum Beispiel will mit der Benennung der Gemeinen Stinkmorchel auf die gegenseitigen Abhängigkeiten aller Lebewesen beim Insektensterben hinweisen. Der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) wirbt mit der Gurke dafür, sich stärker mit „diesem vielfältigen Gemüse in Garten und Küche zu beschäftigen“. Und der Schwarzblaue Ölkäfer kann sich zwar enorm schnell vermehren – ein einzelnes Weibchen kann fünf- bis sechsmal im Abstand von ein bis zwei Wochen je 3000 bis 9500 Eier legen. Dennoch findet sich seine Art auf der Roten Liste als gefährdet wieder, weil sie ihren Lebensraum verliert und ihr der Straßenverkehr zusetzt.

Sympathie schaffen

Ähnlich sieht das Eva Goris von der Deutschen Wildtierstiftung, die Jahr für Jahr das „Wildtier des Jahres“ kürt: „Ich bin überzeugt, dass ein solcher Titel etwas bringt, auch wenn sich dieser Mehrwert nur schlecht nachweisen lässt“, sagt sie. Der prämierte Maulwurf zum Beispiel erhalte durch die Aufmerksamkeit und die Berichte ein sympathisches Bild. „Es bewegt sich dadurch vielleicht etwas in den Köpfen.“

Das allerdings reicht noch nicht: „Es kommt darauf an, die Ernennung mit Aktionen, mit Spendenaufrufen für Schutzmaßnahmen und Lobbyarbeit zu verknüpfen“, so Viktoria Michel, Projektkoordinatorin der „Zootier des Jahres“-Artenschutzkampagne. „Außerdem brauchen Menschen immer etwas Besonderes, um darauf aufmerksam zu werden.“

Die Zoologische Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz (ZGAP) zeichnet seit 2016 das „Zootier des Jahres“ aus. Ein Erfolg? „Wir haben mit unseren Aufrufen zum ‚Zootier des Jahres‘ – der stark bedrohten Scharnierschildkröte – andere Zoos zur Züchtung animieren können und unterstützen die Freilandarbeit in Kambodscha.“

Bei den Titelträgern ist die ZGAP eigen: „Wir setzen uns für die Tiere ein, die in den Zoos und Tierparks eher untergehen und keine Lobby haben“, sagt sie. Eisbären und Elefanten hätten da wenig Chancen.