Zlin l Der Raum, hat alles, was ein echtes Chefbüro braucht. Furnierter Schreibtisch, Ledersessel, diverse Ablagen, Telefon - und eine riesige Weltkarte an der Wand, an der der Chef sein weltumspannendes Imperium anschauen kann. Und sogar Klimaanlage sowie ein Waschbecken mit fließendem warmen und kalten Wasser.

Das Mobile an dem Büro: Es befindet sich, wohl weltweit einzigartig, in einem Fahrstuhl. Niemand wusste damals so genau, wo der Firmenchef heute wieder residiert. Ob in der ersten Etage oder vielleicht in der 16?

Es ist überliefert, jedoch nicht zweifelsfrei belegt, dass Bata je nach Laune mit seinem Büro durch die Fabriketagen geisterte, um durch die weit geöffnete Schiebetür zu kontrollieren, wie seine Angestellten in dieser oder jener Abteilung arbeiten.

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Der bizarre Fahrstuhl ist Kernstück eines damaligen Musterunternehmens in einer Musterstadt. Alles begann 1894 mit der kleinen Schuhfabrik von Tomas Bata (1876-1932). Der Unternehmer war der erste, Schuhe industriell und somit zu einem erschwinglichen herstellte und so zu einem Massengut machte. Die Firma wuchs im Raketentempo, allein zwischen 1929 und 1931 kamen 666 neue Betriebe in 37 Ländern hinzu.

Unternehmen Musterstadt

In Zlin, hier lebten Anfang des Jahrhunderts um die 3000 Menschen, hatten 25 Jahre später bereits 30.000 eine Job. Und eine Wohnung. In Batas Musterstadt. Die war streng untergliedert nach Arbeit, Wohnen, Freizeit und Verkehr, ein ausgeklügeltes System aus Ergonomie, Schönheit und Zweckmäßigkeit.

Bata ließ von Architekt Frantisek Lydie Gahura (1891-1958) auf der Basis eines quadratischen Grundrasters von etwa sechs mal sechs Metern ganze Wohnsiedlungen, Werkhallen, meist in Backsteinoptik, errichten. Er baute Bahnlinien, damit die Arbeiter schnell in seine Fabrik kamen, Kraftwerke, Krankenhäuser, Lebensmittelläden, Schulen, gründete zwei Zeitungen und eine Radiostation.

Die 3000 Wohnhäuser, kubistische Architektur, Flachdach, eigener kleiner Garten, konnten von den Arbeitern in einem ausgeklügelten Sparmodell als Eigentum erworben werden.

Diese beinahe beängstigend perfekt umgesetzte Modellstadt brachte den Schuhfabrik-Mitarbeitern erstmals soziale Sicherheit und einen bis dahin nie gekannten kleinen Wohlstand. Dem Chef loyale Angestellte und riesige Gewinne. Kritiker sprechen von einem Architektur gewordenen Modell des effizienten Kapitalismus.

 

Zlin war Blaupause für ähnliche Mustersiedlungen in der ganzen Welt. Batadorp in den Niederlanden, Batawa in Kanada, Bataville in Frankreich, Bata Park in der Schweiz, Batanagar in Indien.

Das 17-stöckige Firmenhochhaus samt Mobilbüro ließ Tomas Bata von Vladimir Karfik errichten. Auch Bauhaus-Architekt und Bata-Fan Le Corbusier (1887-1965) hatte sich um Aufträge bemüht, konnte jedoch bei den Sparschwein-Preisen, die der Schuhfabrikant zu zahlen bereit war, nicht mithalten.

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