Berlin l Es ist noch nicht richtig hell, als Polizisten und Steuerfahnder am 22. September gleichzeitig in Berlin, Brandenburg und in der Schweiz anrücken. Es geht um Geldwäsche, Betrug und Steuerhinterziehung. Die Staatsanwaltschaft nennt den Ermittlungsbereich „Managementleistungen innerhalb der Rapper-Szene“. Genaugenommen richten sich die großangelegten Durchsuchungen allerdings gegen den 44 Jahre alten Berliner Clanchef Arafat Abou Chaker und drei weitere Verdächtige.

Stundenlang überprüfen rund 300 Beamte Geschäftsräume, Wohnungen und eine Villa südlich von Berlin. Kisten, Taschen und Trolleys mit Geschäftsunterlagen sowie Datenträgern werden beschlagnahmt. Vermögenswerte in Höhe von mehreren Millionen Euro werden vorläufig sichergestellt.

Arafat Abou Chaker, Deutsch-Araber, genannt „Momo“, gilt als Führungsfigur des 150 Personen umfassenden Clans. Er und drei seiner Brüder müssen sich seit August vor dem Berliner Landgericht verantworten. Ihnen wird vorgeworfen, den Rapper „Bushido“ bedroht, beschimpft, eingesperrt und angegriffen zu haben. Chaker war einst Partner im Musikgeschäft. „Bushido“ hatte später die Geschäftsbeziehungen beendet.

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Ausbreitung hauptsächlich in Ballungszentren

Die kriminelle Berliner Größe gehört zu den Clans, die sich krakenhaft immer mehr in Deutschland ausbreiten.

Neben dem Abou-Chaker-Clan, sind es die Clans – benannt nach den Großfamilien – Miri (mhallami-libanesischer Clan, überwiegend in Bremen ansässig), Remmo (arabische Großfamilie mit mehr als 500 Angehörigen, ursprünglich aus Südanatolien) und Al-Zein (aus Südostanatolien über Libanon nach Europa gezogen), sowie Ali-Khan (libanesisch-stämmig), Berjaoui (arabisch-stämmig, Berlin), Chahrour (aus dem Libanon, Berlin) und Kaval (kurdisch-stämmig, Hamburg).

Kriminelle Großfamilien siedeln sich hauptsächlich in Ballungszentren an. Besonders aktiv sind sie in Berlin. Die Polizei spricht von 15 bis 20 Clan-Gruppierungen. In der Hauptstadt wird mindestens ein Fünftel der organisierten Kriminalität Clan-Strukturen zugerechnet. Weitere Schwerpunkte sind Bremen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.

Sachsen-Anhalt weitgehend clanfrei

Sachsen-Anhalt ist bisher weitgehend clanfrei. Lediglich in Naumburg (Burgenlandkreis) gab es Ärger mit einer syrischen Großfamilie. Nachdem Polizisten im Mai 2017 einem 21-jährigen Syrer den Führerschein abgenommen hatten, holte dieser Familie und Freunde zur Verstärkung. Die achtköpfige Gruppe randalierte im Polizeirevier und bedrohte Beamte. Mit dem Clan hatte es bereits zuvor im Ort immer wieder Probleme gegeben. Ein 27-Jähriger des Clans wurde im März dieses Jahres vom Landgericht Halle wegen bewaffneten Drogenhandels zu fünf Jahrenn und elf Monaten Haft verurteilt.

2019 hat das Bundeskriminalamt (BKA) erst mal 45 Verfahren der Organisierten Kriminalität in sein Lagebild einfließen lassen, die „Mitgliedern ethnisch abgeschotteter Strukturen“ zugerechnet werden, der Clan-Kriminalität. Knapp die Hälfte der Verfahren wurden in Nordrhein-Westfalen bearbeitet.

Ungeklärte Staatsbürgerschaft

In ganz Deutschland wurden innerhalb der Clan-Kriminalität 654 Tatverdächtige erfasst. Dabei ist der hohe Anteil von Tatverdächtigen mit ungeklärter Staatsbürgerschaft (37) auffällig. Das entspricht einem knappen Viertel der in allen 553 Verfahren der Organisierten Kriminalität erfassten mutmaßlichen Täter (160). Das Bundeskriminalamt spricht im Zusammenhang von einem „Hellfeld“. Es gebe ein weitaus größeres Dunkelfeld nicht bekannt gewordener Straftaten.

Laut BKA erwirtschafteten Clans in Deutschland 2018 einen „kriminellen Ertrag“ von knapp 28 Millionen Euro. Die gute Nachricht: Einen Großteil des Profits konnte der Staat sichern – rund 22 Millionen Euro.

Hauptsächlich im Drogenhandel und im Schmuggel haben die kriminellen Großfamilien ihre Hände im Spiel. Aber auch bei Eigentumsdelikten. Vernetzt sind die Clans nicht nur innerhalb Deutschlands, sie unterhalten enge Beziehungen in die Niederlande, nach Frankreich, Belgien, Italien und Österreich. Außerdem zu Rockerbanden, arabisch-stämmigen Clans und in den Westbalkan.

Niedersachsen rüstet im Kampf gegen Gruppen a

Niedersachsen rüstete dieser Tage im Kampf gegen Clans auf. Bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig wurde zum 1. Oktober 2020 eine von insgesamt vier Zentralstellen zur Bekämpfung krimineller Clanstrukturen in Niedersachsen eingerichtet.

Die Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften sind künftig zuständig für Ermittlungs-, Straf- und gegebenenfalls Ordnungswidrigkeitenverfahren jeglicher Deliktsart und -schwere gegen Personen, die der Clankriminalität zuzuordnen sind.

Damit soll die Strafverfolgung in Niedersachsen intensiviert werden, denn die Zentralstellen sollen neben der Bearbeitung offenkundiger Clan-Verfahren auch in der Lage sein, Schwerpunkte zu setzen und sich auf einzelne Clans zu konzentrieren. Die zuständigen Staatsanwälte verfügen über Erfahrungen aus Ermittlungen in unterschiedlichen Kriminalitätsbereichen, insbesondere auch der Verfolgung von Organisierter Kriminalität.

Bewusst dezentral aufgestellt

Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza (CDU) sagte: „Wir stellen uns mit den vier Zentralstellen bewusst dezentral auf. Für die effektive Verfolgung von Clan-Kriminalität bedarf es in Niedersachsen der Kenntnis regionaler Gegebenheiten. Dass die Justiz dieses Thema angeht, ist wichtig. Denn das Gefährliche an der Clankriminalität ist insbesondere der Eindruck der rechtschaffenen Bürger: Da gibt es Kriminelle in unserem Land, die können machen, was sie wollen und keiner tut etwas.“

So ein Gefühl dürfe sich in einem Rechtsstaat auf keinen Fall verbreiten.