Berlin (dpa) l Die Welt aus Männersicht – daran stoßen sich schon seit Jahrzehnten Initiativen für eine ausgewogene Geschlechterverteilung in Gesellschaft und Beruf samt Machtpositionen. In der Corona-Krise, in der das Bedürfnis nach Information und Nachrichten von Medien nach oben geschnellt ist, mehren sich nun immer mehr kritische Stimmen. Sie wollen mehr Frauen als Expertinnen und Erklärerinnen in der Corona-Krise sehen, hören und lesen. Denn die Pandemie zeige erneut ein altes Problem ganz deutlich auf – auf viele Männer kommen zahlenmäßig nur wenige Frauen.

Das jüngste Beispiel an Kritikerinnen ist die Schauspielerin Maria Furtwängler. Ihre Stiftung warf einen Blick auf Medienberichterstattung in der zweiten Aprilhälfte. Grundlage waren 174 abendliche TV-Informationssendungen mit Corona-Bezug in öffentlich-rechtlichen wie privaten Fernsehsendern. Zudem wurden – bezogen auf denselben Zeitraum – rund 80.000 Artikel mit Corona-Bezug in Online-Ausgaben von 13 Printmedien ausgewertet.

Nur 7 Prozent Frauen

Ergebnis der Studie, die am Donnerstag veröffentlicht wurde: In den TV-Formaten seien 22 Prozent der Experten weiblich gewesen. In der Online-Berichterstattung seien Frauen zu rund 7 Prozent als Expertinnen erwähnt worden. Die MaLisa Stiftung wurde 2016 von Maria Furtwängler ("Tatort") und ihrer Tochter Elisabeth gegründet. Sie verfolgt das Ziel einer gleichberechtigten Gesellschaft.

Es gebe immer noch ein Ungleichgewicht zwischen Frauen und Männern, was sich in der Corona-Krise einmal mehr zeige, sagte Furtwängler der Deutschen Presse-Agentur. "Es ist ein Signal, das von Medien ausgeht, sie sind Multiplikatoren. Sie setzen den Rahmen für das, was sich eine Gesellschaft vorstellen kann."

Gewohnte Muster

Die Ergebnisse der Studie, an der auch das Institut für Medienforschung der Universität Rostock mitwirkte, legen Furtwängler zufolge nahe, dass man in Krisenzeiten zu alten Reflexen und gewohnten Mustern zurückgreift. Solche Muster seien zum Beispiel: "Wer erklärt mir die Welt? Ein Mann." Die Corona-Krise sei, was das Ungleichgewicht der Geschlechter bei Karrierewegen angeht, derzeit eine "Zementierung der Schieflage".

Es gebe auch noch zu wenige Bemühungen in Deutschland, Frauen aus der zweiten Reihe stärker zu fördern, mahnt Furtwängler an. Die Studie stellt dazu als Ergebnis im Bereich Fernsehen fest: "Selbst zu den Themenbereichen Pflege und Medizin, in denen überwiegend Frauen tätig sind, wurden sie nur zu 17 Prozent befragt und kamen damit besonders selten als Expertinnen zu Wort."

Ungleichgewicht an Experten

Mitte Mai hatte bereits der Verein ProQuote Medien ein Ungleichgewicht an zu vielen männlichen Experten kritisiert. "Wir wollen mehr Virologinnen, Infektiologinnen, Epidemiologinnen oder Intensivmedizinerinnen sehen, die für uns die Pandemie einordnen und erklären", hatte die Vereinsvorsitzende Edith Heitkämper gesagt. Der Verein, der sich seit seiner Gründung im Jahr 2012 dafür einsetzt, dass mehr Frauen in Führungspositionen im Journalismus kommen, schob zugleich eine Kampagne an, bei der unter dem Hashtag #Coronaexpertin in sozialen Medien Namen von Spezialistinnen gesammelt werden.

Auch die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim ("maiLab") teilte vor Tagen die Kritik. Ihr allerdings rein subjektiver Eindruck sei, "dass Frauen erst als Expertinnen in die Öffentlichkeit gehen, wenn sie seit Jahren einen Lehrstuhl innehaben, während Männer eher mal sagen, ich habe doch Biologie studiert, dazu kann ich was sagen", sagte die Chemikerin der dpa in Mainz.

"Wir schreiben alle möglichen Experten an, und uns schreiben viel mehr Männer zurück, die sich das zutrauen, vor so einem großen Publikum zu sprechen und für immer im Internet zu sein", betonte sie bezogen auf ihre Arbeit.

Im April schrieb die Verlagschefin von Gruner + Jahr, Julia Jäkel, einen Gastbeitrag für die Wochenzeitung "Die Zeit" mit der Überschrift "Zurück in der Männerwelt". Darin betonte sie bezogen auf die Arbeitswelt: "Mir scheint, dass sich in Zeiten der Krise neue Führungszirkel formieren." Und an anderer Stelle des Beitrags: "Plötzlich, in der Krise, sind alle Frauen weg." Jäkel, die selbst Mitglied von ProQuote ist, konstatierte: "Homeoffice bedeutet für Tausende Frauen gerade vor allem home und wenig office. Das ist auch deshalb bitter, weil jetzt Karrieren gemacht werden."