Berlin (dpa) l „Lockruf des Goldes“ hieß ein berühmter Roman des Autors Jack London. Ob kriminelle Kreise in Berlin sich für Literatur interessieren, weiß man nicht. Die Anziehungskraft des Goldes ist aber nicht zu übersehen. Nach dem Diebstahl einer 100 Kilogramm schweren Goldmünze vor zwei Jahren galt der neueste Coup einem filigraneren Objekt: ein Vogelnest aus purem Gold, 74 dünne Zweige, 814 Gramm schwer, mindestens 30.000 Euro wert. Einbrecher stahlen es in der Nacht zu Mittwoch aus einer Grundschule in Berlin-Marzahn. Erneut richtet sich der Verdacht der Kriminalpolizei gegen kriminelle Mitglieder arabischstämmiger Clans.

Wie die Polizei so schnell auf bestimmte Verdächtige kam, wurde nicht verraten. Der „Tagesspiegel“ berichtete aber, Polizei-Fahnder hätten vor dem Einbruch drei Jugendliche aus dem Umfeld zweier polizeibekannter Großfamilien an der Grundschule beobachtet. Die beiden Älteren sollen Intensivtäter sein. Die Polizei soll intern gewarnt haben, dass ein Einbruch geplant sein könnte. Zudem soll eine Sicherheitstür in der Schule beschädigt gewesen sein.

Das "Goldene Nest"

Das Kunstwerk „Goldenes Nest“ lag in einer Glasvitrine, die in eine Wand des Gebäudes eingelassen ist. Das Nest ist durch die Scheibe für jeden gut sichtbar – und zog schnell Kriminelle an.

Angefertigt hat es der Künstler Thorsten Goldberg im Rahmen eines Wettbewerbs zum Neubau der Schule. Bei öffentlichen Gebäuden ist vorgeschrieben, dass ein kleiner Teil der Kosten für „Kunst am Bau“ ausgegeben wird. Schon kurz nach der Eröffnung der Schule im Herbst gab es im November einen ersten Einbruchsversuch, im Februar einen zweiten. Nun waren die Einbrecher erfolgreich. Sie zertrümmerten eine Scheibe der Vitrine und verschwanden mit dem Gold-Nest.

Der Künstler sagte dem „Tagesspiegel“: „Das Kunstwerk war besser gesichert als die Goldmünze im Bode-Museum.“ Das reichte nicht. Aus den Ausstellungsräumen auf der Museumsinsel hatten Einbrecher 2017 die 100 Kilogramm schwere Münze im Wert von drei Millionen Euro gestohlen. Mehrere junge Männer aus einer arabischstämmigen Großfamilie stehen unter Verdacht und vor Gericht. Die Münze blieb verschwunden. Die Polizei nimmt an, dass sie eingeschmolzen wurde. Dieses Ende könnte auch dem Vogelnest drohen.

Polizei zeigt Lagebild

In den vergangenen Wochen rückten die Clans wieder in die Öffentlichkeit. Der frühere Berliner Sozialarbeiter und heutige Politologe Ralph Ghadban erhielt Polizeischutz, weil er bedroht wurde. Ghadban (geb. 1949 im Libanon) warnt seit vielen Jahren vor bestimmten Großfamilien, im vergangenen Jahr erschien sein Buch: „Arabische Clans. Die unterschätzte Gefahr“. Nach einem Interview kürzlich im libanesischen Fernsehen, wurde er im Internet massiv angegangen, so dass die Polizei aktiv wurde.

Die Polizei in Berlin und Nordrhein-Westfalen bemüht sich seit dem vergangenen Jahr, härter gegen kriminelle Mitglieder der Clans vorzugehen. In NRW stellte die Landesregierung das bundesweit erste Lagebild dazu vor. NRW spricht von rund hundert kriminellen Clans. Pro Jahr sollen sie zuletzt knapp 5000 Taten begangen haben. Unter den Verdächtigen seien 380 Intensivtäter überwiegend im Alter zwischen 14 und 26 Jahren. Es gehe um Raub, Erpressung und Körperverletzung. Das Geld werde vor allem mit Drogen, Shisha-Bars und Wettbüros verdient. Die Hochburg der türkisch-arabischstämmigen Großfamilien in NRW sei Essen.

Der Berliner Senat beschloss nach zahlreichen Raubüberfällen auf Schmuckabteilungen und Geldtransporter, nach Schlägereien und Schießereien einen Fünf-Punkte-Plan gegen die Clans. Seit dem Herbst gibt es wöchentliche Razzien in Shisha-Bars und Spielhallen.

Ob die verstärkten Polizeieinsätze in den abgeschotteten Parallelwelten wirken, muss sich zeigen. Der Diebstahl des Goldnestes sei ja auch „eine Machtdemonstration“, so die Staatsanwaltschaft.

Über die Zukunft des Nestes sollten eigentlich nach 14 Jahren Lehrer und Schüler entscheiden. So hatte es der Künstler bestimmt und im Internet beschrieben. Sollte die Vitrine geöffnet werden, hätte das Nest sofort zerstört und das Gold verkauft werden müssen. Die Entscheidung über das Einschmelzen übernehmen jetzt wohl andere.