Berlin (dpa) l Der Missbrauchsskandal stürzte die katholische Kirche in ihrer schwerste Krise der jüngeren Vergangenheit. Berichte von systematischer Gewalt und sexuellem Missbrauch an Kindern, begangen von Geistlichen und verschwiegen von höchsten Würdenträgern, empörten ganz Deutschland.

Die katholischen Bischöfe versprachen Aufklärung, ohne Rücksicht auf verkrustete Strukturen, die jahrzehntelang das Verschweigen gefördert hatten. Sie setzten Missbrauchsbeauftragte ein und starteten unabhängige Untersuchungen.

Fast sechs Jahre nach dem Bekanntwerden sexueller Übergriffe am Berliner Canisius-Kolleg – der Fall löste eine bundesweite Welle von Enthülllungen aus – ist die Aufarbeitung aber noch längst nicht abgeschlossen. „Ich glaube nicht, dass das Kapitel jemals zu Ende sein wird“, sagt der Trierer Bischof Stephan Ackermann, seit 2010 Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz. Es gebe heute immer noch Menschen, die sexuelle Übergriffe aus der Vergangenheit meldeten.

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So auch in Regensburg, wo Kinder und Jugendliche der weltberühmten Domspatzen regelmäßig geschlagen, misshandelt und auch sexuell missbraucht wurden. Seit acht Monaten untersucht der Rechtsanwalt Ulrich Weber die skandalösen Vorgänge in der Schule und dem Internat des Chors. Und sein nun vorgelegter Zwischenbericht hat es in sich: Demnach wurden von 1953 bis 1992 mindestens 231 Kinder von Priestern und Lehrern des Bistums körperlich misshandelt. Die Dunkelziffer liege sicherlich bei etwa 700 Opfern – das wäre ein Drittel aller „Spatzen“-Schüler. Im Februar 2014 hatte das Bistum noch von 72 Opfern gesprochen.

Als seien körperliche Züchtigungen nicht genug der Quälerei, wurden laut Weber in Regensburg 50 Kinder und Jugendliche auch Opfer sexueller Gewalt – „von Streicheln bis zu Vergewaltigungen“. Oft gingen Gewalt und Missbrauch Hand in Hand. Nachdem der Lehrer dem Schüler mit dem Rohstock auf den nackten Hintern geschlagen hatte, strich er mit der Hand darüber. „Es hieß dann: So schlimm war es doch nicht“, gibt Weber Opfer-Aussagen wieder.

„Es herrschte in diesen Jahren ein System der Angst“, sagt der Rechtsanwalt, der vom Bistum Regensburg und dem Chor beauftragt wurde. Die Kinder seien oft aus nichtigem Grund verprügelt worden: Mit dem Stock, Schlüsselbund oder Siegelringen, Bettnässer durften nichts trinken. Kam es bei sichtbaren Verletzungen zu Ermittlungen, wurden die Mitschüler laut Weber gar zu Falschaussagen gedrängt: „Sie mussten dann von einem angeblichen Treppensturz des Opfers berichten.“

Der Jurist, der seit Jahren auch für die Opferorganisation „Weisser Ring“ arbeitet, betont, dass die Zusammenarbeit mit dem Bistum konstruktiv und zielführend ist. Er durfte in den Geheimarchiven stöbern, Personalakten des Bistums und persönliche Notizen des Generalvikars anschauen. „Auch die Gesprächsbereitschaft der Opfer hat sich in den vergangenen Monaten deutlich verbessert.“

Vor mehr als vier Jahren hatten sich die katholischen Bistümer in Deutschland darauf verständigt, Opfern sexueller Gewalt Entschädigung zu zahlen. Bisher hat die Deutsche Bischofskonferenz nach eigenen Angaben bei rund 1600 Opfern eine solche Zahlung empfohlen, die über die jeweiligen Bistümer oder Orden erfolgt.

So registrierte das Erzbistum München-Freising 29 Fälle, in denen auf Empfehlung der Missbrauchsbeauftragten Opfern Geld gezahlt wurde – insgesamt 147 000 Euro. Im Erzbistum Bamberg stellten 16 Opfer einen Antrag auf Entschädigungszahlung, ihnen wurde insgesamt 92 000 Euro zugesprochen.

Das Bistum Regensburg beschloss, den Betroffenen ein Schmerzensgeld von jeweils 2500 Euro zu zahlen.

Auch im oberbayerischen Benediktinerkloster Ettal waren körperliche und seelische Misshandlungen sowie sexueller Missbrauch von Schülern an der Tagesordnung. Nach umfangreicher Aufarbeitung zahlte der Orden den Opfern sexuellen Missbrauchs bis zu 20 000 Euro, Opfer von Misshandlung erhielten 5000 Euro. Insgesamt zahlte das Kloster an 70 ehemalige Internatsschüler rund 700 000 Euro.