London/Berlin (dpa) l Millionen Deutsche werden am 19. Mai die royale Hochzeit einschalten. Sie wollen das strahlende Brautpaar erleben: Prinz Harry und US-Schauspielerin Meghan Markle. Aber sie wollen auch die Queen winken sehen – trägt sie zartes Gelb oder Königsblau? – und ein paar Schritte hinter ihr den gefühlt 200 Jahre alten Gatten Philip. Sie wollen dabei sein, wenn Öko-Freak Charles in einem womöglich Apfelsaft-betriebenen Bentley vorfährt. Und natürlich sind sie neugierig darauf, wie übernächtigt die frischgebackenen Eltern William und Kate aussehen.

Uniformen und goldene Kutschen

Aber aus welchem Grund nehmen die Deutschen immer wieder Anteil am Schicksal einer englischen Adelsfamilie? Karina Urbach, Historikerin in Princeton und eine der renommiertesten Expertinnen für die britische Monarchie, sagt dazu: „Was man nicht selbst hat, findet man exotisch und begehrenswert. Außerdem wissen wir natürlich, wie deutsch diese Familie bis 1917 war – ein Export aus Hannover und Coburg. Wir haben eine gemeinsame Geschichte.“

Windsor ist ein Fantasie-Name, den sich die Dynastie erst im Ersten Weltkrieg zulegte. Damals hatte Deutschland noch seine eigenen Royals, die Hohenzollern. Und die konnten es an „Pomp and Circumstance“ – Glanz und Gloria – allemal mit ihren Verwandten von der Insel aufnehmen. Nicht die Königin von England, sondern Kaiser Wilhelm II. galt um 1900 als der meistfotografierte Mensch der Welt. Aber dann kamen Weltkrieg, Niederlage und Zwangsabdankung. Seitdem muss der Windsor-Clan als Ersatz herhalten.

Nun kann man sich natürlich fragen: Warum überhaupt dieses Bedürfnis nach Royalem? Eine Antwort gibt William Shakespeare in „Heinrich V.“: „Was haben Könige, das der gemeine Mann nicht hat? Es sei denn Zeremonien, die großen Zeremonien.“ Es ist eben alles so schön anzusehen mit den Uniformen, Pferdchen und goldenen Kutschen. Höchstens der Vatikan reicht an diesen Zirkus Krone noch heran.

Dabei geht es natürlich auch um Eskapismus – Flucht in eine untergegangene Welt, in der der Butler noch die „Times“ bügelt und jeder seinen angestammten Platz kennt. Auf der Anziehungskraft solcher spätfeudalen Herrschaftsbiotope basiert der Erfolg von „Downton Abbey“. Fans dieser Fernsehserie haben eine Schwäche für die englische Upper Class.

Die Queen war immer schon da

Ein weiterer Grund für das Interesse an den Windsors dürfte ganz einfach sein, dass man sie schon so lange kennt. Die Queen war immer schon da, auch die ältesten Deutschen können sich kaum mehr an die Zeit vor ihr erinnern.

Und Harry, der jetzt endlich unter die Haube kommt? Man muss nur den Namen hören, und schon spulen sich ganze Bilderfolgen ab: Prinzessin Diana mit dem kleinen Bündel im Arm auf der Schwelle des St Mary‘s Hospital in London. Sein erster Schultag in kurzer Hose. Und dann, natürlich: der Teenie im Anzug hinter dem Sarg seiner Mutter. Das große Glück, das stille Leid.

Mit Harry (33) und Meghan (36) ist das Haus Windsor nun auch im 21. Jahrhundert angekommen. Er war lange der Party-Prinz, dem man aber nichts krummnehmen konnte, sie ist die geschiedene Tochter einer Afroamerikanerin und engagiert sich für Frauenrechte. Also ein massiver Modernitätsschub für die tausendjährige Institution. „Sie entsprechen dem Zeitgeist“, fasst Historikerin Karina Urbach zusammen.