Berlin (dpa) l Er ist der Mann, den niemand vermisst. Seit vier Monaten nun schon. Niemand weiß, wer dieser Patient ist, der noch immer im Koma liegt. Ergrautes Haar, buschige Augenbrauen und eine gute Figur für einen Senior zwischen 60 und 70, durchtrainiert. Genauso rätselhaft wie für die Charité ist dieser Fall für die Hauptstadt-Polizei. „So etwas gab es in Berlin noch nicht“, sagt eine Sprecherin. „Das ist auch für unsere Vermisstenstelle eine ganz neue Situation.“ Es sei das erste Mal, dass es nicht den kleinsten Hinweis auf einen Menschen gebe. Und keine Vermisstenanzeige. „Es gibt überhaupt nichts.“

Was bekannt ist: Am 13. März war der unbekannte Senior im Volkspark Wilmersdorf beim Joggen zusammengebrochen. Er schlug unglücklich mit dem Kopf auf einen Stein auf. Passanten fanden ihn bewusstlos. Seitdem sucht die Kripo nach einem Anhaltspunkt, wer dieser Mann sein könnte. Irgendetwas, eine winzige Spur. Die Polizei hat mehrfach Fotos veröffentlicht. Beim zweiten Mal hat sie ihm seine Zahnprothese einsetzen lassen, damit man ihn vielleicht besser erkennt.

Die Polizei stellte Fotos zweier Schlüssel ins Netz – das einzige, was der Jogger außer ein paar Euro und Traubenzucker bei sich trug. Dort sind Firmennamen eingestanzt, große Hersteller, aber keine Sicherheitsnummern. Auch das ist selten – und fatal für die Kripo. Damit gibt es keine Spur zu einer Adresse.

Bilder

Die gefundenen Schlüssel wurden mit Tausenden Schlüsseln der Stadtreinigung, die Zugang zu den Häusern in Wilmersdorf hat, verglichen. Zudem fragte die Polizei bei den Veranstaltern des Halbmarathons im Frühjahr nach, ob ein Mann in der Altersklasse angemeldet war, aber nicht teilgenommen habe. Alles vergeblich.

DNA-Probe negativ

Am Dienstag startete die Polizei eine umfangreiche Suchaktion. Ausprobiert wurde, ob ein Schlüssel zu Türen von Häusern in der Umgebung des Volksparks in Wilmersdorf passen. Zehn Teams von Polizeischülern waren stundenlang jeweils mit einer Schlüsselkopie unterwegs. Ein Wohnhaus mit passendem Türschloss wurde aber vorerst nicht gefunden.

So weiß bis heute niemand, wo dieser Mann in Berlin gelebt hat. Oder jemand, der es weiß, schweigt. Für einen Obdachlosen war der Mann viel zu gepflegt, als sie ihn im Park fanden: gut rasiert, gesunde Haut, keine Narben. Dazu eine orangefarbene Joggingjacke, ein schwarzblaues Laufshirt und eine schwarzblau-rosafarbene Jogginghose, alles in Größe L. Die Füße steckten in weiß-roten Marken-Laufschuhen, Reebok, Größe 44,5.

In Deutschland hat dieser Mann wohl auch keine dunkle Vergangenheit. Seine Fingerabdrücke sind nicht registriert. Wer nie unter dem Verdacht stand, eine Straftat begangen zu haben, ist in den Datenbanken der Polizeibehörden nicht erfasst. Auch eine DNA-Probe hat die Polizei schon genommen.

Klinik übernimmt Kosten

Doch wenn Angehörige kein Genmaterial von sich preisgeben, geht ein Abgleich auch hier ins Leere. Dazu gibt es in diesem Fall keine Vermisstenmeldung von Angehörigen. Als gebe es diesen Menschen nicht - als habe er keine Familie, keine Freunde, keine Bekannten, keine Nachbarn, keine Kollegen – ist das möglich? Die Kripo ist jedem winzigen Hinweis nachgegangen. Immer Fehlanzeige.

Direkt nach der Aufnahme in die Charité sei durch das Gericht ein Betreuer für den unbekannten Patienten bestellt worden, sagt Charité-Sprecherin Manuela Zingl. Er gebe nun etwa die Zustimmung für Behandlungen. Die Kosten dafür trage die Klinik, bis eine Rehabilitation möglich sei. Das sei im Moment aber noch nicht in Sicht.

Erst wenn die Identität des Mannes klar ist, weiß die Klinik, ob er eine Krankenversicherung hat. Bis dahin übernimmt sie die hohen Kosten für die Intensivpflege. Und niemand weiß genau, wie stark das Hirn dieses Koma-Patienten durch seinen Sturz auf den Kopf geschädigt ist. Vielleicht weiß er also selbst nicht, wer er ist – falls er jemals wieder aufwacht.