Berlin (dpa) l Eine akute psychische Erkrankung des Angreifers liegt laut Berliner Staatsanwaltschaft dem tödlichen Messerangriff auf Fritz von Weizsäcker zugrunde. Dazu ein Gespräch mit der Charité-Expertin Isabella Heuser.

Was verstehen Psychiater unter Wahn?
Isabella Heuser: Den Wahn zeichnet aus, dass es eine falsche Überzeugung ist. Betroffene leben in ihrer eigenen Realität. Sie glauben zum Beispiel, an Aids erkrankt zu sein, auch wenn sie keine Symptome haben. Oder dass der Nachrichtensprecher im Fernsehen sie beeinflusst. Kranke bauen ihre Überzeugung zu einem Wahnsystem aus, einem elaborierten Konstrukt. Das Tückische ist, dass sie sich nicht von der Realität überzeugen lassen – beim Beispiel Aids etwa auch nicht durch einen negativen HIV-Test. Ein Wahnkranker würde dann sagen, das Blut sei vertauscht worden.

Was sind die Ursachen?
Wahn kann ein Symptom verschiedener psychischer Erkrankungen sein – in der Regel bei schweren Ausprägungen, etwa von Depression oder Schizophrenie. Daneben gibt es sogenannte Wahnerkrankungen – da hat man wahnhafte Vorstellungen ohne psychische Grunderkrankung.

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Manche Patienten verhalten sich auffälliger. Bei anderen bleibt das über Jahre unentdeckt, vor allem wenn sie sich isolieren, bei der Arbeit kaum Kontakte haben und sich dann wieder in ihre Wohnung zurückziehen. In solchen Fällen sollte die Gesellschaft aufmerksamer werden, Sorgen äußern und zum Beispiel einen Arztbesuch vorschlagen.

Welche Rolle können Prominente dabei spielen?
Prominente können durch ihre öffentliche Präsenz Projektionen und Wahnbildungen auf sich ziehen. Sie werden in diese Überzeugung einbezogen. Im Fall des Politikers Oskar Lafontaine etwa (Anmerkung: Der damalige Ministerpräsident des Saarlandes wurde 1990 in Köln mit einem Messer angegriffen) wurde bei der Angreiferin eine wahnhafte Schizophrenie nachgewiesen.

Der Wahn hat auch in diesen Fällen nichts mit der Realität zu tun. Diese Art der Gefährdung ist ein Grund, aus dem Politiker und Prominente besonders geschützt werden.

Wie oft werden Betroffene gewalttätig?
Insgesamt sind Gewaltdelikte wie Mord oder Totschlag durch Wahnkranke sehr selten. Sie erregen aber natürlich große Aufmerksamkeit, wenn Prominente die Opfer sind. Insbesondere wenn Betroffene zusätzlich Alkohol oder Drogen genommen haben, wird eine höhere Gewalttätigkeit als bei Gesunden angenommen.

Generell verläuft die Krankheit oft in Wellen: Es gibt manchmal Wochen, in denen sich Betroffene ganz obsessiv mit ihrer Vorstellung beschäftigen – und dann wieder weniger. Der Wahn lässt sich durch gutes Zureden alleine nicht behandeln, aber spricht gut auf Medikamente an.