Berlin (dpa) l Lebenslang wegen Mordes – die abschreckende Wirkung von drakonischen Strafen gegen Raser und Auto-Poser wie zuletzt in Berlin ist unter Kennern der Szene umstritten. Das zeigt eine Länderumfrage der Deutschen Presse-Agentur zum Karfreitag, an dem die Tunerszene seit Jahren "Car-Freitag"-Rennen fährt.

Nach Einschätzung des rheinland-pfälzischen Innenministeriums hat das Berliner Urteil durchaus das Potenzial, Raser künftig abzuschrecken, wie ein Sprecher sagte. Nordrhein-Westfalens Innenministerium zeigte sich verhaltener: "Ob das Urteil eine solche Wirkung entfaltet, bleibt abzuwarten. Die Polizei NRW hält ihren Kontrolldruck auf die Raserszenen unverändert hoch." Auch aus Sicht der Hamburger Polizei lässt sich noch nicht beurteilen, ob die Verurteilungen wegen Mordes Eindruck machen werden.

Der Mechaniker Nico Klassen, der in den 90er Jahren bis zum Tod eines Freundes selbst mit getunten Autos Straßenrennen gefahren ist, sagte sogar: "Das wird überhaupt keinen Effekt auf die Leute haben, die fest in der Szene verankert sind. Sie fühlen sich unbeobachtet und denken, dass sie nie erwischt werden. Mich hätte damals auch kein Urteil, kein Gesetz abgeschreckt." Die Hemmschwelle sei gesunken.

"In den 90ern sind meine Freunde und ich in verlassenen Industriegebieten gefahren, wir hätten uns niemals in die Stadt getraut", sagte Klassen. "Aber heute scheinen viele keinen Respekt mehr vor der Polizei zu haben." Der Mechaniker organisiert heute legale Autorennen auf abgesicherten Strecken, um junge Tuner von den Straßen zu locken.

Bayerns Innenministerium sieht das wirksamste Gegenmittel gegen Raser im Entzug des Führerscheins. "Das ist eine Maßnahme, mit der man diese Gruppe mit am härtesten treffen kann. Ein Bußgeld kann man dann schon abstottern, aber wenn man jemandem die Fahrerlaubnis entzieht, dann hat man den mit am schwersten getroffen", sagte ein Sprecher.

Aufgemotzte Fahrzeuge

Derweil geht die Polizei in mehreren Bundesländern zunehmend gegen Fahrer vor, die laut und rücksichtlos mit aufgemotzten Fahrzeugen Aufmerksamkeit erregen wollen. In Hamburg ist seit 2017 die Kontrollgruppe "Autoposer" aktiv. Die 13 Beamten, die stets in Zivil mit einem Messwagen im Einsatz sind, überprüften in anderthalb Jahren rund 4700 Fahrzeuge, wie eine Sprecherin mitteilte. Bei mehr als 1300 Wagen war die Betriebserlaubnis erloschen, meist wegen unerlaubter technischer Veränderungen. Mehr als 550 Autos wurden sichergestellt. Dieser Tage wurde ein mit Goldfolie überzogener Porsche gestoppt.

In Frankfurt machte die Polizei Anfang März aus einem Modellprojekt eine feste Einheit mit acht Beamten. Bei einer Lärmmessung wurde ein Spitzenwert von 109 Dezibel festgestellt – vergleichbar mit der Lautstärke eines Rockkonzerts.

Auch abseits der Großstädte sorgen Poser für Ärger. In Oldenburg bei Bremen verfügt die Polizei seit Anfang vergangenen Jahres über eine speziell geschulte Kontrollgruppe, die regelmäßig auf Achse ist. Dabei geht es nicht bloß um Beschwerden wegen der rasenden und lauten Autos. Auch die Tatsache, dass die jungen Fahrer mit ihren getunten Wagen oft an Unfällen beteiligt sind, rief die Beamten auf den Plan.

In Rheinland-Pfalz spielt das Thema Autotuning inzwischen auch in der Ausbildung für Polizisten eine größere Rolle. So biete die Hochschule der Polizei am Flughafen Hahn pro Jahr mehrere Fortbildungen an, die mit Großkontrollen endeten. Im Rahmen einer solchen Kontrolle wurde in Kaiserslautern ein Fahrzeug sichergestellt, das eine so "extreme Tieflage" aufwies, dass es selbst für den Abschleppdienst eine echte Herausforderung bedeutete, wie die Polizei seinerzeit mitteilte.

Berlins Innensenator Andreas Geisel hatte zuletzt ein weiteres hartes Durchgreifen gegen die gefährlichen Raser angekündigt. "Profilierungssüchtige Raser spielen mit dem Leben der anderen und nehmen deren Tod billigend in Kauf. Diesen Irrsinn dürfen wir nicht zulassen", sagte der SPD-Politiker. "Wenn das Auto zur Waffe wird, muss der Staat einschreiten und die Bedrohung von der Straße holen."