Rom (dpa) l Als Papst Franziskus 2013 sein Amt antrat, übernahm er bei der Besetzung der Kurie ein Erbe seines Vorgängers Benedikt. Dieser hatte 2012 den ehemaligen Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller zum Leiter der Glaubenskongregation gemacht. Franziskus hielt an Müller fest, obwohl sich schon damals viele fragten, ob das gutgehen kann. Als Gralshüter der katholischen Tradition stand der Kardinal wie Benedikt für eine sehr konservative Linie. Die von Franziskus betriebene Öffnung der Kirche lehnte er weitgehend ab. Jetzt hat der Papst einen Schlussstrich gezogen und Müller abgelöst.

Wie fremd sich beide sind, wurde spätestens bei den Bischofssynoden zu den Themen Ehe und Familie 2014/15 deutlich. In seinem Schreiben „Amoris Laetitia“ öffnete der Papst anschließend den Zugang zur Kommunion in Einzelfällen auch für wiederverheiratete Geschiedene. Die Deutsche Bischofskonferenz griff das auf und setzte die neue Regelung mit einem eigenen Schreiben in Kraft.

Kardinal Müller kritisierte das. Niemand, auch nicht der Papst, könne die dogmatische, durch Jesus selbst eingeschärfte Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe verändern, mahnte er. Er sah seine Rolle darin, Aussagen des Papstes nachzujustieren und in Form zu bringen. „Das sind Äußerungen, wo jeder Chef einen rausschmeißen würde“, sagt der ehemalige Regensburger Dogmatikprofessor Wolfgang Beinert. Ein Rausschmiss vor dem Ende der fünfjährigen Amtszeit wäre aber ein Affront auch gegen Benedikt XVI. gewesen.

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Behutsame Kirchen-Reform

Franziskus will die Kirche nicht gewaltsam, sondern behutsam öffnen. Daher blieb Müller zunächst im Amt, aber er spielte kaum noch eine Rolle. Eigentlich haben Ressortchefs beim Papst regelmäßig Audienzen. Müller nicht, wie Beinert berichtet: „Franziskus hat gesagt: „Ich rufe Sie, wenn ich Sie brauche.“ Und offensichtlich brauchte er ihn nicht sehr oft.“

Die von Franziskus vorangetriebene Kurienreform gegen Korruption und Misswirtschaft soll Müller behindert haben. Mehrfach setzte er sich auch für den ehemaligen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst ein, der 2014 abberufen wurde, nachdem die Kosten für den Bau eines protzigen Bischofssitzes explodiert waren.

Zur Belastung wurde der 69-Jährige jetzt auch aus einem anderen, viel gravierenderen Grund: Die größte Krise der katholischen Kirche seit Jahrzehnten, der Skandal um sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Geistliche, hat die Führung im Vatikan erfasst. Der Finanzchef, Kardinal George Pell, musste sich beurlauben lassen, um sich in seinem Heimatland Australien einem Ermittlungsverfahren zu stellen.

Aufklärung verzögert

Als Chef der Glaubenskongregation war Müller auch dafür zuständig, Missbrauchsfälle aufzuklären. Doch die Dimension des Skandals spielte er herunter. Es habe sich nur um Einzelfälle gehandelt, nicht um ein systematisches Versagen der Kirche, meinte er. Er beklagte eine „Pogromstimmung“ gegen die Kirche. Müller selbst stand auch in der Kritik, weil er als Regensburger Bischof die Aufklärung von Missbrauchsfällen verzögert haben soll – was er dementiert.

Dass er am Sonnabend den letzten Tag im Amt sein würde, erfuhr er erst am Freitag, wie er der „Allgemeinen Zeitung“ sagte. Auch dies spricht dafür, dass die Entscheidung des Papstes mit dem Missbrauchskandal zusammenhängt, der am Donnerstag zur Beurlaubung Pells führte. Müller bedauerte, dass drei seiner Mitarbeiter vor wenigen Wochen gegen seinen Willen vom Papst entlassen wurden. Ansonsten gebe es zwischen ihnen aber keine Differenzen. Franziskus scheint das anders zu sehen.