Berlin (dpa) l Händeschütteln war tabu. Und die Türklinken – die durften die Mitarbeiter nur mit Toilettenpapier anfassen. In seinem Berliner Labor achtete der Atomforscher Otto Hahn peinlichst auf Sauberkeit. Mal schnell den Stuhl eines Kollegen leihen? Undenkbar. „Es gab spezielle Stühle für die Mitarbeiter, die in hoch radioaktiven Umgebungen arbeiten, und für diejenigen in niedrig radioaktiven Umgebungen“, sagt Christian Forstner, Physiker und Wissenschaftshistoriker, über die Arbeit des Nobelpreisträgers. Hahn, der am 28. Juli vor 50 Jahren starb, habe mit dieser Form von Strahlenschutz Störeffekte bei seinen Messungen vermeiden wollen.

Penibel, hartnäckig – und mit einem glücklichen Händchen bei der Team-Zusammensetzung war Hahn einer der Entdecker der Kernspaltung. Die Erkenntnis von 1938 war Grundlage für die spätere Nutzung von Atomenergie zur Stromversorgung, brachte aber auch die Atombombe. Der Chemie-Nobelpreis 1944 für den Nachweis der Spaltung von Atomkernen ging allein an den damals in Berlin tätigen Chemiker – obwohl inzwischen der Anteil seiner Mitstreiter unbestritten ist. Physikerin Lise Meitner und Chemiker Fritz Straßmann waren beim Nobelpreis leer ausgegangen.

Nach langer Zusammenarbeit hatte Hahn (geboren 1879 in Frankfurt/Main) 1934 mit Lise Meitner begonnen, Uran mit Neutronen zu bestrahlen. Schauplatz war das Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin-Dahlem. Meitner habe die Versuche angestoßen, die letztlich zur Kernspaltung führten, sagte ihre Biografin Charlotte Kerner einmal der dpa.

Hahn funktionierte im NS-System

Die Physikerin sei fasziniert gewesen von Versuchen des Italieners Enrico Fermi, Uran mit Neutronen zu beschießen – in der Absicht, neue künstliche Elemente zu schaffen, sogenannte Transurane. Die entscheidenden Experimente bei Hahn in Berlin bekam Meitner aber nicht mehr mit – als Jüdin musste sie 1938 aus Deutschland fliehen. Antisemitische Maßnahmen in der Wissenschaft, wie etwa der Entzug der Lehrerlaubnis, hatten bereits Jahre zuvor eingesetzt. Auch Hahn selbst war in leitender Funktion am Institut für Physikalische Chemie an der Umsetzung der „Säuberungsmaßnahmen“ beteiligt, wenn auch widerwillig, wie Christian Forstner von der Goethe-Uni Frankfurt betont. „Er war keineswegs ein Befürworter des Nationalsozialismus, aber er funktionierte in dem System.“

Noch 1938 führten Hahn und Straßmann die erste Kernspaltung durch, wobei große Energiemengen frei wurden. Die Mechanismen, die der Reaktion zugrunde lagen, verstanden sie zunächst nicht. „Für Physiker schien zu dieser Zeit die Spaltung eines Atomkerns undenkbar“, betont Christian Forstner.

Meitner, die per Brief in Kontakt mit Otto Hahn geblieben war, lieferte dann 1939 mit ihrem Neffen Otto Frisch die theoretische Erklärung für das „Zerplatzen“ – so nannten es die Forscher damals – des Urankerns in mehrere Bruchstücke.

Weltweit fanden sich Nachahmer. Angesichts des Weltkrieges dauerte es nicht lange, bis die Technologie zur Entwicklung von Atombomben aufgegriffen wurde. Die Amerikaner zündeten ihre erste 1945 in der Wüste, die folgende Abwürfe im Krieg hatten verheerende Folgen für Hiroshima und Nagasaki.

Gefangenschaft nach Kriegsende

In Deutschland blieb es beim Ausloten solcher Möglichkeiten - auch Otto Hahn, der sich gegen die Nutzung von Atomwaffen aussprach, habe sich in den Dienst des Regimes gestellt, sagt Forstner. Es habe sich dann aber auch mangels nötiger Materialien nie ernsthaft die Frage gestellt, ob die Bombe gebaut werden soll.

Nach Kriegsende kam Hahn wie viele deutsche Wissenschaftler in Gefangenschaft. Danach machte er sich als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, die auf die Kaiser-Wilhelm-Institute folgte, als Wissenschaftsorganisator verdient.

Dabei erfand sich Otto Hahn vermutlich auch aus Selbstschutz neu, wie Christian Forstner sagt. Er habe sich als unpolitischer, reiner Grundlagenforscher während der NS-Zeit dargestellt und sich von rassistischen Auswüchsen der Wissenschaft wie der Rassenhygiene abzugrenzen versucht.

„Hahn galt auch im Ausland neben Max von Laue als einer der beiden Wissenschaftler, die während der NS-Zeit „sauber“ geblieben sind“, bilanziert Forstner. Dabei habe es eine „saubere“ Wissenschaft in jener Zeit nicht gegeben.

Otto Hahn war 89 Jahre alt, als er in Göttingen an Herzschwäche starb. Auch nach seinem Tod blieb sein Name präsent – etwa durch das frühere Atomschiff „Otto Hahn“, dessen Brennstäbe noch 2010 auf Castor-Zügen durch Deutschland fuhren. Das nach Hahn benannte Gebäude an der heutigen FU Berlin, in dem er einst mit Lise Meitner arbeitete, wurde 2010 umbenannt: in Hahn-Meitner-Bau.