Magdeburg l Nur noch wenige Minuten, bis die mündliche Prüfung der Studentin beginnt. Ihr Herz klopft wie wild. Können die Prüfer es hören? Werden sie ihren roten Kopf bemerken? Was mögen sie denken? Mit wackeligen Knien betritt sie das Prüfungszimmer. Am liebsten möchte sie gleich wieder kehrtmachen. Obwohl gut vorbereitet kann sie die Situation kaum ertragen. Nach wenigen Minuten bricht sie die Prüfung ab.

Solche oder ähnliche Probleme, z.B. bei Bewerbungsgesprächen und anderen Auftritten vor Publikum, sind nicht selten. Je nach Mentalität und den zuvor gemachten Erfahrungen gelingt es einigen Menschen besser und anderen schlechter, mit dem sozialen Stress umzugehen.

Vom Lampenfieber bis zu sozialen Phobien

Ein gewisses Maß an Erregung vor einem Auftritt vor anderen Menschen ist durchaus normal. Künstler nennen es Lampenfieber. Es gibt jedoch Menschen, die aus Angst davor, sich zu blamieren, ihr vorhandenes Wissens und Können in der Gegenwart nicht abrufen können. „Stattdessen versuchen sie, diesen Situationen aus dem Weg zu gehen“, räumt Prof. Dr. Thomas Frodl, Leiter der Magdeburger Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie ein. Manche nehmen dafür sogar Nachteile im persönlichen Alltag und im Beruf in Kauf.

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Im Kindes- und Schulalter wird dieses Verhalten nicht selten als Schüchternheit verharmlost oder mit dem Begriff „kleiner Angsthase“ verniedlicht. Erst seit etwa drei Jahrzehnten sprechen Psychiater und Psychotherapeuten von sozialen Phobien.

„Wer darunter leidet, versucht sich den angstauslösenden Situationen zu entziehen. Dieses Vermeidungsverhalten kann zur Vereinsamung führen und die Entstehung von Depressionen und Suchtverhalten begünstigen“, so Professor Frodl.

20 Prozent der Menschen entwickeln Ängst

Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde zählen soziale Phobien heute zu den häufigsten Angststörungen in modernen Industriegesellschaften. Schätzungsweise 20 Prozent der Bevölkerung erkranken im Verlauf ihres Lebens an einer Angststörung. Unter Experten umstritten ist, welchen Anteil daran die stetig steigenden Leistungsanforderungen in modernen Industriegesellschaften haben.

Die gute Nachricht ist, dass soziale Ängste therapierbar sind. Die verhaltenstherapeutischen Behandlungen zielen darauf ab, die Hemmschwellen zu reduzieren und das Selbstwertgefühl durch Erfahrungs- oder Einsichtslernen aufzubauen.

Auch bei Spinnenängsten hilfreich

Bislang erfordern Konfrontationstherapien bei Patienten mit sozialen Phobien einen hohen personellen Aufwand, um die Wirklichkeit möglichst echt nachzubilden. Eine Verbesserung erhoffen sich Forscher des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und der Universität Magdeburg vom Einsatz moderner Computertechnologien, wie der sogenannten virtuellen Realität (VR). In einer Kooperation unter der Leitung von Professor Thomas Wolbers vom DZNE und Professor Thomas Frodl von der Magdeburger Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie arbeiten Mitarbeiter an der Erschaffung einer virtuellen Realität, in der Patienten ihre sozialen Ängste abbauen können. Dabei tragen die Patienten in der echten Realität eine Spezialbrille, die ihnen auf einem elektronischen Display eine dreidimensionale, im Rechner erzeugte (virtuelle) Welt zeigt. Darin können Menschen wie in der echten Welt agieren. Auch soziale Interaktionen können realitätsnah nachgebildet werden. „Das ist echt beeindruckend. Ich hatte wirklich das Gefühl, in einer Prüfung zu sein“, bescheinigt einer der ersten Probanden die Tests. In der virtuellen Umgebung kann der soziale Druck gezielt verändert werden, z.B. indem die Zahl der anwesenden Prüfer und deren kritische Kommentare verändert wird. Die Ängste der Probanden sollen so Schritt für Schritt abgebaut werden.

Die Magdeburger Forscher sind nicht die ersten Wissenschaftler, die sich mit Therapien von Angststörungen in der virtuellen Realität beschäftigen. Weltweit gibt es bereits durch VR-unterstützte Behandlungen von Patienten mit Höhen-, Flug- und Spinnenangst. Bislang noch ein Schwachpunkt sind VR-Therapien gegen soziale Ängste, denn die Herausforderungen an die Modellierung der virtuellen Umgebungen gelten als herausfordernd. „Es war nicht leicht, begeisterte junge Software-Entwickler für das Projekt zu rekrutieren“, so Professor Wolbers. Der Grund: Weltweit besteht eine große Nachfrage nach VR-Experten, vor allem in der Wirtschaft.