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Wetterdienst Schnee zu Heiligabend: Nur ein weißer Traum?

Schneeflocken, Eisblumen am Fenster, Schneeballwerfen vor der Bescherung und ein Schneespaziergang am Feiertag: Alles nur ein Traum?

14.12.2020, 09:22

Offenbach (dpa) l Dreaming of a white Christmas? Weiße Weihnacht wird alle Jahre wieder zum Thema von Fragen und Spekulationen. Besungen in Weihnachtsliedern, ob nun der Klassiker "White Christmas" oder Traditionslieder wie "Leise rieselt der Schnee", inszeniert in Weihnachtsdekorationen der Schaufenster oder in Weihnachtsfilmen zum Fest: Schnee darf einfach nicht fehlen. Verschneite Waldlandschaften, Kinder, die auf Schlitten Hügel hinuntersausen, Schlittschuhläufer auf zugefrorenen Seen und als Kontrastprogramm ein gemütliches Zuhause mit viel Kerzenschein oder gar einem flackernden Kaminfeuer.

Und die Wirklichkeit? So richtig schneereiche Weihnachten sind für die Menschen in Deutschland eher keine jährlich wiederkehrende Selbstverständlichkeit, wenn sie nicht gerade hoch in den Alpen wohnen. Dabei ist zumindest die wissenschaftliche Definition von weißer Weihnacht etwas anspruchsloser als das weißfunkelnde Traumbild des Wunschdenkens. "Wenn an einer Wetterstation am 24., 25. und 26. Dezember jeweils ein Zentimeter Schnee oder mehr gemessen wurden, ist das nach Definition des Deutschen Wetterdienstes weiße Weihnacht", sagt DWD-Sprecher Andreas Friedrich.

Ist ein Zentimeter Schnee regelmäßig zu schaffen, oder ist weiße Weihnacht nur ein Mythos? Nach DWD-Angaben gab es in den vergangenen 100 Jahren in Deutschland nur ganze sechs Mal mehr oder weniger flächendeckend weiße Weihnachten über drei Tage hinweg: In den Jahren 1906, 1917, 1962, 1969, 1981 und 2010, zuletzt also vor genau zehn Jahren. Sprich: Eine ganze Generation von Grundschülern und Kindergartenkindern kann sich an vielen Orten in Deutschland nicht an weiße Weihnachten erinnern.

Allerdings gibt es deutliche regionale Unterschiede, so der DWD-Sprecher. So spielt die Höhenlage eine Rolle, in einigen Regionen auch der Abstand zum Meer. "Auf Helgoland liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Fest mit einer Schneedecke nur bei zwei Prozent", sagt Friedrich. "In Berlin und Brandenburg gibt es eher weiße Weihnachten als in Niedersachsen."

Immerhin, wer bei weißer Weihnacht nicht auf der meteorologischen Definition von drei Tagen beharrt, sondern auch einen verschneiten Heiligabend alleine als weiße Weihnacht zählt, kann in der DWD-Statistik mehr Treffer verbuchen.

Einen Überblick über die gesamte Fläche Deutschlands gibt es für den 24. Dezember zwar nicht, aber für einzelne Städte hat der DWD ab den 1960er Jahren Aufzeichnungen dazu: So gab es in Berlin an Heiligabend seit 1963 immerhin zehn Mal Schnee, davon drei Mal zehn und mehr Zentimeter. Zehn verschneite Weihnachtsabende hatte Hamburg seit 1961, im Jahr 2010 sogar mit knapp 20 Zentimetern Schnee.

Gleich 19 Mal kam München seit 1961 an Heiligabend in den Genuss von Schneefall – wobei im Jahr 1962 die weiße Bescherung mit 28 Zentimeter Schneehöhe besonders reichlich ausfiel. In Mainz hingegen gab es seit 1961 insgesamt neun Mal Schnee an Heiligabend. Hier stach das Jahr 1981 mit 15 Zentimetern Schnee besonders hervor.

Schneegarantie zum Fest gibt es in Deutschland nur auf der Zugspitze. Dort hat es seit Beginn der dortigen Wetteraufzeichnung 1880 immer weiße Weihnachten gegeben. Allerdings: Mit jedem Höhenmeter darunter sinkt die Wahrscheinlichkeit.

Sechs Mal nahezu flächendeckende weiße Weihnachten in 100 Jahren – das zeigt schon, dass der Traum vom verschneiten Fest sehr oft ein Traum bleibt und das Ereignis eher selten ist. Da habe die Klimaerwärmung bisher noch nichts Wesentliches verändert, sagt Friedrich angesichts der langen Abstände, die es bisher zwischen den weißen Weihnachten nach DWD-Definition gab. Für die Zukunft kann der Experte aber wenig Hoffnung machen: "Sollte die Klimaerwärmung weiter wie aktuell fortschreiten, könnten die Wahrscheinlichkeiten für Weiße Weihnachten in vielen Teilen Deutschlands in den nächsten Jahrzehnten noch deutlich geringer werden."

Wie sehr sich Wetter und Klima in der Zukunft ändern könnten, dürfte auch die Auswertung der Daten der vor wenigen Monaten beendeten Mosaic-Forschungsexpedition in der Arktis zeigen. Das internationale Wissenschaftlerteam verbrachte den vergangenen Winter dort, wo Schnee und Eis nicht nur an Weihnachten selbstverständlich sind. Die Arktis gilt als die "Wetterküche" für Mitteleuropa, betont Expeditionsleiter Markus Rex. Doch die Veränderungen seit der historischen Expedition von Fridtjof Nansen seien dramatisch, so der Atmosphärenphysiker vom Alfred-Wegener-Institut. "Wir haben durchgehend fünf bis zehn Grad höhere Temperaturen gemessen als bei der Nansen-Expedition vor 130 Jahren – und das Eis ist nur noch halb so dick."