Magdeburg l Wie rechnet man Arbeitsplätze gegeneinander auf? 250 Beschäftigte in Weißenfels gegen 250 in Wittenberg. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) hatte am Donnerstag seine ganz eigene Formel gefunden, nachdem der Backwarenhersteller Lieken den Neubau eines Werks in Wittenberg bekannt gegeben hatte. „Die Investition von Lieken ist ein wichtiger Impuls für das Land Sachsen-Anhalt und stärkt unsere bereits gut aufgestellte Ernährungsbranche“, erklärte der Regierungschef via Mitteilung.

Was der Ministerpräsident allerdings verschwieg: Gleichzeitig schließt Lieken in zwei Jahren seinen Produktionsstandort im Burgenlandkreis. Die 250 Mitarbeiter im Weißenfelser Werk können mitziehen – oder verlieren ihren Arbeitsplatz. Das Land unterstützt diese Rochade zudem noch mit Fördergeld: Mit 11,25 Millionen Euro wird der rund 200 Millionen Euro teure Neubau in der Lutherstadt subventioniert.

Haseloffs Geschmäckle

Für den Weißenfelser Landtagsabgeordneten Rüdiger Erben (SPD) ist das ein Skandal: „Wir können uns doch im Land nicht gegenseitig mit Steuergeld die Unternehmen abjagen. Dass der Neubau ausgerechnet in der Heimatstadt von Herrn Haseloff stattfindet, hat zudem ein Gschmäckle“, sagte Erben der Volksstimme.

Die Stadtverwaltung Weißenfels ist am Freitagmorgen von den Lieken-Plänen kalt erwischt worden. Schon vor Monaten sollen dortige Standortentwickler dem Unternehmen Ausweichgrundstücke für einen Neubau angeboten haben. „Für die Beschäftigten ist das ein Schock. Eine Fahrt von Weißenfels nach Wittenberg dauert über eine Stunde. Die Masse der Mitarbeiter wird diesen Weg nicht auf sich nehmen können“, erklärte Erben.

Hartes Sparprogramm

Die Lieken-Ansiedlung in Wittenberg ist Teil eines lang geplanten Konzernumbaus. Lieken will im umkämpften Backwaren-Markt profitabler werden und führt ein hartes Sparprogramm durch. 1500 der deutschlandweit 4000 Jobs sollen bis 2018 wegfallen. Zudem werden mehrere Produktionsstandorte geschlossen und eine neue Fabrik gebaut. Offen war nur, ob das neue Werk im Westen oder im Osten Deutschlands entsteht. Sachsen-Anhalt habe sich in diesem Standortwettbewerb erfolgreich durchgesetzt, teilte dazu das Wirtschaftsministerium des Landes mit.

„Sachsen-Anhalt finanziert mit öffentlichen Mitteln die Umstrukturierung eines Unternehmens und damit den Abbau von Arbeitsplätzen“, kritisierte Linke-Fraktionschef Wulf Gallert im Volksstimme-Gespräch. Eine öffentliche Förderung sei nur gerechtfertigt, wenn die Qualität der Arbeitsplätze in Wittenberg deutlich besser wäre als vorher in Weißenfels. Lieken wollte sich auf Anfrage nicht zu den Gehältern seiner Angestellten äußern, eine Sprecherin teilte aber mit, dass überwiegend Dauerarbeitsplätze mit unbefristeten Arbeitsverhältnissen entstehen sollen.

Beschäftigte sollen mitziehen

Allen Mitarbeitern in Weißenfels werde Lieken einen Job im neuen Werk anbieten, erklärte das Unternehmen. „Das neue Werk liegt in unmittelbare Nähe zu unserem bestehenden Werk Weißenfels – und daher ist es geboten, den Standort Weißenfels in den neuen Standort zu überführen“, teilte Lieken mit. Zwischen Weißenfels und Wittenberg liegen allerdings rund 100 Kilometer.

Das Land erwarte, dass die Standortschließung im Burgenlandkreis gemeinsam mit Arbeitnehmern und Gewerkschaften sozialverträglich gestaltet werde. „Dazu gehört in erster Linie, dass den Mitarbeitern Arbeitsplätze in Wittenberg angeboten werden“, sagte die Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, Tamara Zieschang (CDU). Das Land gehe aus der strategischen Neuausrichtung von Lieken gestärkt hervor. „Auch wenn zu unserem Bedauern der Standort Weißenfels neben anderen geschlossen wird, konnte die einzige Neuinvestition nach Sachsen-Anhalt geholt werden“, so Zieschang weiter.

Zusagen an das Land

Der Backwarenhersteller Lieken, der seit 2013 zu dem tschechischen Agrar-, Chemie- und Medienkonzern Agrofert gehört, zieht in Wittenberg in unmittelbare Nachbarschaft zu seinem Schwesterunternehmen SKW Stickstoffwerke Piesteritz. Über die Lieken-Investition hinaus hat Agrofert dem Land nach Volksstimme-Informationen weitere Zusagen gemacht. So soll in naher Zukunft der deutsche Sitz des Konzerns, der zurzeit noch im sächsischen Bischofswerda ist, nach Wittenberg in den Ortsteil Piesteritz verlegt werden. „Das ist insgesamt ein starkes Signal für den Wirtschaftsstandort Sachsen-Anhalt“, erklärte Tamara Zieschang.

Die Mitarbeiter in Weißenfels dürfte das allerdings kaum trösten.