Magdeburg l Die Arbeitslosigkeit ist in den vergangenen zehn Jahren in Sachsen-Anhalt stark zurückgegangen, inzwischen kann die Bundesagentur für Arbeit in ihren Monatsberichten in der Regel einstellige Arbeitslosenquoten verkünden, jüngst 9,6 Prozent. Doch die erfreuliche Entwicklung wird sich so wohl nicht fortsetzen.

Kay Senius, Chef der Arbeitsagenturen in Sachsen-Anhalt, rechnet für 2016 mit einer Stagnation auf dem Arbeitsmarkt, auch einen Anstieg der Quote schließt er nicht aus: „Es wird darauf ankommen, wie viele Flüchtlinge tatsächlich dauerhaft in Sachsen-Anhalt bleiben und wie schnell es gelingt, diese in den Arbeitsmarkt zu integrieren“, sagte er in einem Volksstimme-Interview.

Senius gegen Obergrenzen

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rechnet ebenfalls mit einer Stagnation. Für 2016 gehen die Nürnberger Experten von durchschnittlich 117 000 Arbeitslosen aus. „Das entspricht etwa dem aktuellen Durchschnitt“, kommentiert Senius.

Für den BA-Regionalchef ist die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt aber noch kein Argument für eine Begrenzung der Zuwanderung. „Wir müssen uns vor Augen führen, dass gerade Sachsen-Anhalt ein Bundesland ist, das von Überalterung geprägt ist“, betont Senius. Das Land benötige bis 2020 fast 80 000 Fachkräfte. Für Senius sind die zugewanderten Flüchtlinge daher eher potenzielle „Fachkräfte von Übermorgen“. Allein in den vergangenen zwei Jahren sei die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ohne deutschen Pass um 20 Prozent gestiegen, 2400 Menschen aus den Hauptasylländern würden inzwischen in Sachsen-Anhalt arbeiten. „Das zeigt, dass Integration möglich ist“, so Senius.

Spitzenpolitikern wie Regierungschef Reiner Haseloff (CDU) rät der Arbeitsmarkt-Experte deshalb zu wesentlich mehr Gelassenheit. „Von den vielen Chancen, die sich für unser Land bieten, hört man in der politischen Sphäre wenig, dafür umso mehr von den Risiken“, kritisiert Senius. „Das führt bei den Menschen zu übersteigerten Ängsten und erschwert letztendlich auch die gesellschaftliche Integration.“

Mit Blick auf die Integration von Zuwanderern lehnt Senius Forderungen nach Ausnahmen beim Mindestlohn ab. „Ich halte es für ein falsches Signal, wenn wir Flüchtlinge und andere Arbeitslose über Lohndifferenzierung gegeneinander ausspielen.“ Viele Arbeitgeber in Sachsen-Anhalt zeigten sich zudem schon jetzt offen dafür, Zuwanderer als Auszubildende oder Beschäftigte einzustellen.

Es sei daher wichtig, dass auch die Politik die Zuwanderung als Chance begreift, sagt Senius. „Ohne Zuwanderer können wir die Herausforderungen des Fachkräftebedarfs nicht meistern.

Das vollständige Interview mit Kay Senius ist im E-Paper oder in der gedruckten Ausgabe der Volksstimme nachzulesen.