Magdeburg l Es war ein historischer Tag für die Sozialgesetzgebung. Auf Initiative von Reichskanzler Otto von Bismarck beschloss der Reichstag am 15. Juni 1883 das „Gesetz betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter“. Nun konnten nicht nur verschiedene Berufszweige oder Berufsgruppen, sondern auch die Gemeinden Krankenkassen gründen. Die Allgemeinen Ortskrankenkassen entstanden 1884.

In diesem Jahr ging die AOK Magdeburg aus der „Allgemeinen Unterstützungskasse für gewerbliche Arbeiter“ hervor. Berufskassen lösten sich auf, deren Mitglieder traten der AOK bei. 1885 hatte die Kasse bereits 1700 Versicherte, eine vergleichsweise hohe Zahl. Nach dem ersten Weltkrieg dann gingen viele Berufskassen in den AOKs auf, was die Mitgliederzahl nochmal in die Höhe trieb. Rund 63.000 Versicherte waren es 1927.

Vielerorts in Sachsen-Anhalt entstanden in dieser Zeit neue Verwaltungssitze. Die Amtsstuben der Kaiserzeit seien einem neuen Selbstverständnis der modernen Sozialversicherung gewichen, heißt es in Malte Bastians Buch „Tradition mit Zukunft – Geschichte der AOK in Sachsen-Anhalt“. Im Sommer 1927 nahm die AOK Magdeburg ihre Tätigkeit im eigens gebauten Hauptgebäude in der Lüneburger Straße auf. Dort sitzt sie bis heute. Der großzügige Bau der Magdeburger Architekten Maximilian Worm und Carl Krayl (1890-1947) war kein einfaches Bürogebäude – es zeigte deutlich den Einfluss des Dessauer Bauhauses.

Magdeburg hatte sich in diesen Jahren ohnehin zu einer Stadt mit architektonischem Vorbildcharakter gemausert. Dafür verantwortlich war nicht zuletzt der aus Berlin geholte Baustadtrat Bruno Taut. Mit seinen progressiven Farbgebungen prägte er das Stadtbild mehr und mehr. Dabei an seiner Seite: der in der Bauverwaltung tätige Architekt Architekt Carl Kreyl.

Bei der Hauptfassade des AOK-Gebäudes hatten sich Krayl und Worm für einen expressionistischen Stil entschieden, beim Anbau übten sich die Architekten in Zurückhaltung. Funktionalität war das A und O. Die Neue Sachlichkeit dominierte. Farbgebung und Mobiliar des Gebäudes waren für die damalige Zeit ein Novum. Im Gebäude an der Lüneburger Straße dominierten Grüntöne, schwarz-weiße Kacheln wechselten sich mit Fliesen in verschiedenen Braunschattierungen ab.

Hauptsache viel Licht

Sowohl in den medizinischen Räumen mit ihren strengen Sprossenfenstern als auch in den Wartezimmern lautete die Maxime: Viel Licht. In den medizinischen Räumen sollten Apparaturen und Mobiliar übersichtlich und funktional angeordnet sein. Die luftige konstruierten Warteräume zeichneten sich durch hohe Glastüren aus, Grünpflanzen schufen eine angenehme Atmosphäre. Modernes funktionales Design herrschte nun auch in den Kundenräumen vor. Das absolute Glanzstück: die große Schalterhalle mit ihren gewaltigen Oberlichtern.

Der Protz der Kanzleistuben aus der Kaiserzeit war passé. Schlichte und funktionale Möbel dominierten die Vorstandsräume – ganz im Sinne des Bauhauses.

Neuer Bau in Halle

Ähnlich wie in Magdeburg wurden auch in Halle die Räumlichkeiten der AOK zu klein. Die dortige Kasse war erst 1914 gegründet worden, weil gesetzliche Regularien eine Fusion verschiedener Kassen erschwert hatten. Im Februar 1931 war das Gebäude von Architekt Martin Knauthe am Robert-Franz-Ring 14 fertig.

Der Bau ist ein Beispiel für die plastisch-dynamische Architektur der Neuen Sachlichkeit. Knauthe konzipierte einen dreigeschossigen, flach gedeckten Stahlbetonskelettbau, der sich über einem parabelförmigen Grundriss erhebt. Eine moderne Kassenhalle im Verwaltungstrakt war mit einem hohen Fensterband versehen und bot ein Maximum an Tageslicht. Insgesamt zeigte Knauthes Verwaltungsbau im Vergleich zum AOK-Gebäude in Magdeburg bereits die Weiterentwicklung von Büro- und Industriearchitektur auf.

Die Bauten in Magdeburg und Halle hatten indes eines gemeinsam: Nach ihrer Fertigstellung war die Fachwelt begeistert. Ein Kassenarzt schrieb zum AOK-Gebäude in Magdeburg mit pathetischen Worten: „Jedes Teil zeigt in Bezug auf Gediegenheit, Schönheit und Hygiene eine Höhe der Kultur, wie ich sie nirgends (...) besser gefunden habe. Mögen die vorbildlichen sanitären Einrichtungen den Mitgliedern der AOK und damit der Menschheit zu dauerndem Segen gereichen.“

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