Magdeburg l Im Werk des Backwarenherstellers Aryzta in Eisleben (Landkreis Mansfeld-Südharz) traten am Dienstag 300 Beschäftigte in den Warnstreik. Noch immer verdienen die Kollegen an den westdeutschen Standorten des Konzerns mehr. Rund 25 Prozent höher liegt dort der Bruttolohn eines Facharbeiters. Die Mitarbeiter am Standort in Eisleben wollen das nicht länger hinnehmen. Der Protest illustriert: Löhne in Ost und West klaffen auch 30 Jahre nach der Wende teils stark auseinander. Das ist auch das Ergebnis einer am Dienstag veröffentlichten Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Um rund 16,9 Prozent geringer sind die Löhne in den Ostländern – bei gleichem Geschlecht und vergleichbarer Berufserfahrung. Sachsen-Anhalt landet im Vergleich der ostdeutschen Länder mit -17,1 Prozent auf dem vorletzten Platz vor Schlusslicht Sachsen.

Zwar wird die Lohnlücke kleiner – laut kürzlich veröffentlichtem Einheitsbericht sank sie zuletzt von 19 auf 16 Prozent. Ein Ostdeutscher erhielt im vergangenen Jahr im Schnitt dennoch nur 84 Prozent des Bruttomonatslohns eines Westdeutschen. Rund 2700 im Osten gegenüber 3400 Euro im Westen.

Kay Senius, Chef der Arbeitsagenturen in Sachsen-Anhalt, sieht die Gründe in der kleinteiligen Struktur der Wirtschaft und dem hohen Anteil des Dienstleistungssektors. Im Osten gebe es weniger Industrie, weniger Großunternehmen und Konzernzentralen. Hinzu komme die grundsätzlich geringere Tarifbindung in der ostdeutschen Wirtschaft. Die Tarifverträge könnten nur da wirken, wo sie auch verbindlich angewendet werden, kritisieren die Studienautoren der Böckler-Stiftung. Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ist das längst nicht überall der Fall: 2018 wurden 45 Prozent der ostdeutschen Beschäftigten nach Tarif bezahlt. Im Westen waren es 56 Prozent.

„Ungerecht und unbefriedigend“ seien die Gehaltsunterschiede, sagt Susanne Wiedemeyer, Landesleiterin des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) in Sachsen-Anhalt. Das Problem ist für sie die „zerstückelte Tariflandschaft“. Dort, wo keine tariflichen Standards vorherrschten, würden sich niedrige Löhne ausbreiten. Das Resultat: Mehr als ein Drittel der Sachsen-Anhalter arbeitete laut Wiedemeyer für Niedriglohn – unter 2200 Euro im Monat.