San Jose (dpa) l Wer hätte nach den Datenskandalen der vergangenen Jahre gedacht, dass man diesen Satz ausgerechnet von Facebook-Chef Mark Zuckerberg hören wird: „Privatsphäre gibt uns die Freiheit, wir selbst zu sein.“ Vom Prügelknaben der Datenschützer und Politiker will Facebook jetzt also zum Vorreiter in Sachen Datenschutz und Privatsphäre werden. Dazu dient das neue Mantra: „Die Zukunft ist privat.“

Wie ernst kann das gemeint sein von einem Unternehmen, dessen milliardenschweres Geschäftsmodell darauf basiert, so viel wie möglich über seine Nutzer zu wissen, und Werbekunden den Zugang zu den passenden Zielgruppen zu verkaufen? Berechtigte Zweifel, räumt selbst Zuckerberg ein. „Wir haben derzeit nicht den besten Ruf, was den Schutz der Privatsphäre angeht, um es freundlich zu formulieren“, sagt er bei der Vorstellung der neuen Strategie auf der hauseigenen Entwicklerkonferenz F8.

Die Dimension des Umbaus über alle Facebook-Apps hinweg zeugt jedenfalls davon, dass es um viel mehr als Kosmetik geht. Der Chatdienst Messenger wurde von Grund auf erneuert und auf Komplett-Verschlüsselung umgestellt. Zudem bekommt er einen prominent platzierten Knopf, hinter dem die Kommunikation mit Familie und engen Freunden gebündelt wird. In der Haupt-App von Facebok werden stärker Gruppen hervorgehoben, in denen sich Nutzer nach Interessen organisieren können.

Viele Fragen, wenig Antworten

Der neue Kurs wirft viele Fragen auf. Zum Beispiel: Wenn Inhalte mit der sogenannten Ende-zu-Ende-Verschlüsselung geschützt sind, so dass nur Absender und Empfänger sie sehen können, wie soll Facebook dann Terrorpropaganda oder Hassrede finden und löschen? Stiehlt sich Facebook damit aus der Verantwortung – und wird die Politik das zulassen? Das Online-Netzwerk wolle ausgiebig unter anderem mit Sicherheitsbehörden über die richtige Vorgehensweise bei diesem Problem beraten, sagt Zuckerberg. In einem Interview der „New York Times“ ergänzt er, dass Facebooks Software unerlaubte Aktivitäten zum Teil auch an Datenfluss-Mustern ohne Zugang zu den Inhalten erkennen könne.

Noch eine andere Frage stellen sich viele Besucher der Entwicklerkonferenz F8: Was bedeutet eine konsequente Umsetzung eines Neuanfang mit dem Fokus auf Privatsphäre für das Geschäftsmodell von Facebook? Werden die öffentlich geteilten Informationen noch ausreichen, um weiterhin zielgenaue Werbeanzeigen zu schalten? Wird sich Facebook neue Geschäftsideen suchen? Ein mögliches Zeichen dafür: Facebooks Online-Flohmarkt Marketplace wird um eine eigene Bezahlfunktion ergänzt. Und auch bei Instagram und WhatsApp soll es mehr Möglichkeiten für kommerzielle Anwendungen geben.

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Zuckerberg hat als Facebook-Chef immer wieder fantastische Anpassungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Zum Börsengang 2012 schrieben einige Analysten Facebook schon ab, weil Nutzer gerade massenhaft von PCs auf Smartphones abwanderten, für die Facebook noch kein Geschäftsmodell hatte. Doch Facebook fand schnell eine Lösung mit Anzeigen zwischen Newsfeed-Beiträgen – die das Geschäft erst groß machte.

Userzahlen steigen wieder

Facebook bekommt Rückenwind dadurch, dass die Mitglieder dem Online-Netzwerk allen Skandalen und Pannen zum Trotz die Treue halten. Auch in Europa steigen die Nutzerzahlen nach einer zwischenzeitlichen Flaute wieder. Über alle Facebook-Angebote hinweg waren 2,7 Milliarden Nutzer aktiv, davon 2,1 Milliarden täglich.

Wie sicher sich Facebook fühlt, demonstriert auch eine bei der F8 vorgestellte Zusatz-funktion zum neuen Dating-Dienst des Online-Netzwerks. Bei „Secret Crush“ (etwa: heimlicher Schwarm) kann man Facebook-Freunde markieren, die man besonders attraktiv findet, ohne es ihnen direkt sagen zu müssen. Erst wenn sie einen auch auf die Liste setzen, wird das beiden offenbart. Facebook geht also weiterhin davon aus, dass die Nutzer auch sehr intime Informationen über sich auf der Plattform preisgeben werden.