Wiesbaden/Berlin (dpa) l Abschwung oder Absturz? Weder noch: Die deutsche Wirtschaft überrascht im Sommer mit einem Mini-Wachstum. Konjunktur hatte zuletzt vor allem das ungeliebte „R-Wort“: Schlittert Europas größte Volkswirtschaft in eine Rezession? Diese Gefahr sei gebannt, stellen Ökonomen gestern fest – vorerst.

Nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes erhöhte sich die Leistung der deutschen Wirtschaft im dritten Quartal 2019 zum Vorquartal leicht um 0,1 Prozent – nach einem Minus von revidiert 0,2 Prozent im zweiten Vierteljahr und 0,5 Prozent Wachstum zum Jahresauftakt.

„Damit steht fest: Wir haben keine Rezession, auch keine technische Rezession“, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). „Aber: Die Wachstumszahlen sind noch zu schwach. Das heißt: Der Aufwärtstrend hat begonnen, aber es geht sehr langsam.“ Im europäischen Vergleich verbuchte Deutschland mit Italien, Litauen und Österreich das schwächste Wachstum im dritten Quartal. Eurostat-Zahlen zufolge legte die Wirtschaft in den 28 Staaten der Europäischen Union zum Vorquartal um 0,3 Prozent zu, im Euroraum mit seinen 19 Mitgliedstaaten gab es ein Wachstum von 0,2 Prozent.

Zumindest dürfte Deutschlands Rückkehr zu einem leichten Wachstum Forderungen nach einem staatlichen Konjunkturprogramm erst einmal den Boden entziehen. Zwar halten auch die fünf „Wirtschaftsweisen“ das Risiko eines gesamtwirtschaftlichen Abschwungs noch nicht endgültig für gebannt. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung bekräftigte dennoch: „Ein zusätzliches Konjunkturpaket ist derzeit nicht notwendig.“

Risiko für Abschwung nicht gebannt

Nach dem ungewöhnlich langen Aufschwung seit der schweren Wirtschaftskrise im Jahr 2009 sei eine kurze Schwächeperiode „nicht notwendigerweise eine große Krise“, kommentierte ING-Deutschland-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. Die Gesamtwirtschaft befinde sich „in einer Phase der Normalisierung nach fünf Jahren mit überdurchschnittlich starkem Wachstum“, erklärte Stefan Schneider, Chefvolkswirt für Deutschland bei der Deutschen Bank. Doch weil Europas größte Volkswirtschaft nur knapp an einer „technischen Rezession“ – also zwei Quartalen mit sinkendem Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Folge – vorbeischrammte, sind die Sorgen vor einem Abschwung nach wie vor groß.

„Die heutigen Zahlen sind kein Grund zur Selbstzufriedenheit“, warnte ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann. „Für Deutschlands Wohlergehen ist es unerheblich, ob das Quartalswachstum einen Hauch unter oder über der Nulllinie liegt.

Sorgen muss vielmehr bereiten, dass die längerfristige Wachstumsperspektive Deutschlands absinkt.“ Reihenweise waren die Prognosen für das Gesamtjahr 2019 in den vergangenen Monaten heruntergeschraubt worden, erwartet wird nun ein Wirtschaftswachstum von etwa 0,5 Prozent. 2018 hatte die deutsche Wirtschaftsleistung noch um 1,5 Prozent zugelegt.

Im Sommerquartal 2019 sorgte vor allem der private Konsum für Aufwind. Dagegen ist die Produktion in der Industrie tendenziell weiter rückläufig. Die Industrie habe ihre Schwächephase keineswegs überwunden. Und Deutschlands Exporteure kämpfen – auch wenn die Ausfuhren im dritten Quartal zulegten. Von Januar bis September wurden nach Zahlen der Statistiker Waren „Made in Germany“ im Wert von 997,1 Milliarden Euro ins Ausland verkauft.