Kassel (dpa) l Die rund 850.000 Bauarbeiter bekommen vom nächsten Monat an eine Entschädigung für ihre oft langen Wege zu den Baustellen. Das sieht ein Schlichterspruch vor, der in dem Tarifkonflikt in der Nacht zu Donnerstag fiel. Der pauschale Wegezeit-Zuschlag beträgt ein halbes Prozent des Tariflohns. Außerdem steigen die Entgelte im Januar im Westen um 2,1 Prozent, im Osten um 2,2 Prozent.

Hinzu kommt in diesem Jahr eine "Corona-Prämie" von 500 Euro als steuerfreie Einmalzahlung. Auch Azubis bekommen eine Erhöhung ihrer Vergütung und eine "Corona-Prämie" von 250 Euro.

Beide Seiten begrüßten den nächtlichen Durchbruch und dankten dem Schlichter, dem Präsidenten des Bundessozialgerichts, Rainer Schlegel. Die Gewerkschaft sprach von einem guten Ergebnis. "Wer auf dem Bau arbeitet, weiß jetzt wieder, dass seine Arbeit geschätzt wird", sagte der Vorsitzende Robert Feiger.

"Wir haben eine faire Lösung gefunden, die der schwierigen wirtschaftlichen Lage der Branche Rechnung trägt", teilte Jutta Beeke, Vizepräsidentin des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie mit. Der Verhandlungsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe, Uwe Nostitz, zeigte sich erleichtert, dass Streiks verhindert werden konnten.

Die Gewerkschaft war vor über einem halben Jahr mit einer Lohnforderung von 6,8 Prozent plus in die Verhandlungen gegangen. Die Arbeitgeber hatten in den drei Verhandlungsrunden vor der Schlichtung aber kein Angebot vorgelegt. Die IG BAU betonte, der Bau-Boom gehe weiter. Die Unternehmen hingegen erklärten, auch in ihrer Branche trübe sich die konjunkturelle Lage ein.

Feiger sprach von "ungewöhnlich zähen und harten" Verhandlungen. "Gelegentlich hatte man den Eindruck, man müsse die Arbeitgeber erst noch davon überzeugen, dass es dem Bau – trotz der Corona-Pandemie – ausgesprochen gut geht und die Bauwirtschaft besser als alle anderen Branchen durch die Corona-Krise kommt." Diesen "Branchen-Bonus" habe die Gewerkschaft deshalb auch eingefordert.

Die Gewerkschaft hatte besonders um die Wegezeitentschädigung gerungen. Wegen steigender Mieten könnten sich viele Kollegen das Wohnen in großen Städten nicht mehr leisten, für die Fahrt zur Baustelle müssten sie immer größere Strecken zurücklegen, argumentierte die IG BAU. Dies sei für einen Großteil der Beschäftigten das "Job-Problem Nummer eins". Nun sei ein Einstieg in eine Entschädigung geschafft.

Zu bürokratisch und teuer

Ein Wegegeld konkret nach Entfernung und Fahrtdauer hatten die Arbeitgeber abgelehnt, weil ihnen dies zu bürokratisch und zu teuer war. Unter Schlegels Moderation soll es dazu aber weitere Gespräche geben. Ein Ergebnis ist bis Juni 2021 vorgesehen. Bis dahin soll auch der nun angestrebte Tarifabschluss gelten. Thema in den Gesprächen soll auch der Branchenmindestlohn sein, der bis Jahresende gilt.

Der Schlichterspruch muss noch von den Tarifparteien angenommen werden. Gewerkschaft und Arbeitgeberverbände haben dafür zwei Wochen Zeit.