Schönefeld/Magdeburg (vs) l Die Einladungen für die feierliche Eröffnung des neuen Flughafens BER am 3. Juni 2012 waren gedruckt. Die ersten Passagiere freuten sich auf den Start in den Urlaub. „BER“ – auf ihren Tickets stand das Kürzel des neuen Flughafens schon geschrieben. Es half nichts, rund vier Wochen vor dem Start wurde die Eröffnung abgesagt. In den kommenden Jahren gingen die Betreiber mit weiteren Eröffnungsterminen baden. Planungsfehler, Baumängel, technische Probleme und Personalwechsel warfen das Projekt wieder und wieder zurück.

Für den ersten geplatzten Termin sorgt 2012 erst mal der TÜV. Das Rauchabzugssystem ist mangelhaft. Nach den Sommerferien sollen die Probleme behoben sein, sagt die Flughafengesellschaft. Pustekuchen. Flughafen- und Technikchef werden später gefeuert. Architekt Meinhard von Gerkan kann seine Sachen packen. Einfacher wird es dadurch nicht.

Die Mängel bei Entrauchung und Gepäckbeförderung sind hartnäckiger als gedacht. Urteil vieler Berliner: „Einfach abreißen dit Ding und neu baun, kommt billja.“ Flughafenexperten bemängeln schon lange, der Flughafen werde mit den angedachten Kapazitäten nie konkurrenzfähig sein. Eröffnungstermine verpuffen. Die Flughafenchefs Mehdorn und Mühlenfeld scheitern. 2017 kommt Engelbert Lütke Daldrup. Typ Verwaltungsangestellter. Der nächste, der am BER verzweifelt, denken viele. Er behält den Überblick: Entrauchung, Brandmeldeanlagen, Lautsprecher, alles noch immer ein einziges Tohuwabohu. Folgerung: Es braucht endlich mal einen realistischen Eröffnungstermin. Ein halbes Jahr später traut sich der Flughafenchef den zu nennen: Oktober 2020.

Es wird dabei bleiben. Zu guter Letzt kommt noch die Pandemie dazwischen. Niemand hätte sich ernsthaft gewundert, wenn der Start ein weiteres Mal verschoben worden wäre. Aber, alles im Plan, morgen wird am neuen Terminal erstmals richtig Betrieb herrschen. Echte Passagiere, keine Statisten mehr. Der Zeitpunkt für die Eröffnung des BER ist ungünstig. Die Flugbranche ist coronagebeutelt. Die Auslastung am neuen Airport ist entsprechend überschaubar. 5000 Fluggäste sollen es am ersten Betriebstag sein. Wenn der Flughafen Tegel eine Woche später schließt, könnten rund 16 000 Passagiere von Terminal 1 reisen, weitere 8000 von Terminal 5.

Die Eröffnung – sie findet ohne großes Brimborium statt „Es gibt keine Party. Wir machen einfach auf“, verkündete Flughafenchef Lütke Daldrup im Vorfeld. Die Demut ist nicht unbegründet. Der BER – er ist zu einem Fass ohne Boden geworden. Die Kosten sind seit 2012 von zwei auf knapp sieben Milliarden Euro explodiert. Da der Flughafen der öffentlichen Hand gehört, muss vor allem der Steuerzahler ran.

Das Scheitern am BER ist längst Folklore. Der „Tagesspiegel“ rechnete im August noch mal nach und feierte in einer Glosse 3000 Tage Nichteröffnung des Flughafens. Kult geworden ist der Satz: „Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu eröffnen“. Walter Ulbricht lässt grüßen. Der Spruch geisterte zunächst durch die Netzgemeinde. Mittlerweile gibt es ihn auf T-Shirts, Basecaps und Postkarten.

Untersuchungsausschuss arbeitet Fiasko auf

Die öffentliche Hand hatte sich anfänglich gerühmt, den Flughafen in Eigenregie errichten zu können. Konsens ist mittlerweile: Die Flughafengesellschaft war mit Planung und Baubeaufsichtigung vollkommen überfordert. Das Fiasko BER – inklusive Kosten- und Terminüberschreitungen – versucht bis heute ein Untersuchungsausschuss aufzuarbeiten. Einer, der wie so viele am „Monster“ BER gescheitert ist, äußerte sich vor einigen Tagen gegenüber der dpa: Hartmut Mehdorn. Die drei Eigentümer Berlin, Brandenburg und der Bund hätten nie an einem Strang gezogen, so der Ex-Flughafenchef. 2015 war Mehdorn nach Konflikten mit dem Aufsichtsrat zurückgetreten. Sein nüchternes Fazit heute: „Viele Köche verderben den Brei.“

Dass sich in einigen Jahren vielleicht nur noch wenige an die Pannen erinnern, mutmaßte vor einigen Tagen Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). Es werde ähnlich wie bei der Elbphilharmonie in Hamburg: „Wenn die Leute den Flughafen erleben, wie er funktioniert, dann wird auch sehr schnell die Leidensgeschichte in der Bauphase vergessen sein“, so Müller.

Eine Randnotiz bietet das Hickhack um den vermeintlich zu kleinen BER noch. Das gute alte Schönefelder SFX-Terminal mischt weiter mit. Über der bronzeschimmernden Fensterfront am ehemaligen Zentralflughafen der DDR steht nun allerdings „BER Terminal 5“ geschrieben. Low-Coast-Fluggesellschaften werden hier abgefertigt. In einem Beitrag des Fernsehsenders RBB freute sich jüngst ein Fluggast, dass in Schönefeld damit wenigstens „ein bisschen DDR“ bestehen bleibe.