Magdeburg l Viele Regionen im Osten leiden unter dem Rückzug von Staat und Unternehmen aus der Fläche. Ein Ausweg aus der Abwärtsspirale können Bürger-Genossenschaften sein, sagt Genossenschaftsverbands-Chef Ralf Barkey.

Herr Barkey, das Institut für Wirtschaftsforschung Halle hat jüngst mit der These für Aufsehen gesorgt, der ländliche Raum sei verloren. Fördergeld sollte nur noch in die Großstädte fließen. Haben die Experten Recht?
Ralf Barkey: Das Ergebnis hat uns überrascht, und wir halten es für falsch. In Koalitionsvereinbarungen wird die Förderung ländlicher Räume immer wieder als Ziel benannt. Ländliche Regionen haben durchaus Standortvorteile. Das wird schon deutlich, wenn man sich die Entwicklung der Wohnungsmarktpreise in den großen Zentren anschaut. Die Politik muss aber die nötige Mindestinfrastruktur schaffen. Dazu gehören Straßen, Schulen, Breitbandanbindung. Wo Lücken bleiben, können genossenschaftliche Lösungen eine gute Ergänzung sein.

Was genau meinen Sie?
Wo Staat oder Markt sich aus der Fläche zurückziehen, kann vieles zivilgesellschaftlich organisiert werden. Das beginnt beim Dorfladen, den Bürger gemeinsam gründen und betreiben, und reicht über Praxis-Zusammenschlüsse von Ärzten bis zu Energiegenossenschaften, etwa für den Bau und Betrieb von Windparks oder Biogasanlagen.

Kann es der richtige Weg sein, dass Bürger einspringen müssen, wo Staat und Markt sich zurückziehen?
Wir propagieren nicht, dass sich der Staat aus der Verantwortung nehmen sollte. Nochmal: Notwendige Mindest-Infrastruktur muss er bereitstellen. Bei Zusatzangeboten arbeiten Genossenschaftsmodelle aber oft wirtschaftlicher, weil ein Eigeninteresse der Teilhaber besteht.

Haben Sie ein Beispiel?
In Hamm in Nordrhein-Westfalen etwa haben Bürger eine Genossenschaft gegründet, um die defizitäre, kommunale Eishalle vor der Schließung zu retten. Die Bürger betreiben die Halle jetzt seit drei Jahren, Öffnungszeiten wurden geändert, das Angebot angepasst. Seit einem Jahr schreibt die Einrichtung schwarze Zahlen.

Wie genau funktioniert das Genossenschafts-Modell?
Der Clou ist, dass Teilhaber zugleich Mitglied und Kunde sind. Das wird auch am Beispiel der Dorfläden – wie es sie ja auch in Deersheim im Harz gibt – sehr schön deutlich. Bürger erwerben einen Anteil und sind als Kunden zugleich Nutznießer. Die Eigner haben dadurch ein hohes Eigeninteresse daran, dass die Genossenschaft gut läuft. Die Gründung ist einfach. Man braucht drei Personen, keinen Notar, keinen Rechtsvertrag. Auch ein Ausstieg ist unkompliziert. Das Besondere an Genossenschaften ist zudem, dass jeder Teilhaber unabhängig von der Anteilsgröße eine Stimme hat. Das garantiert ein Höchstmaß an Minderheitenschutz.

Und die Nachteile?
Gibt es nicht (lacht). Allerdings braucht es zur Gründung einer Genossenschaft ein Gutachten unseres Verbandes. Zur Wahrheit gehört: In sechs von zehn Fällen raten wir etwa wegen zu erwartender Unwirtschaftlichkeit von der Gründung ab.

Auch bei Förderprogrammen für Firmengründungen wird die Genossenschaft oft nicht berücksichtigt...
Stimmt, Handelskammern und Betriebsberater haben das Modell bislang meist nicht auf dem Schirm. Wir haben aber Anlass zur Hoffnung, dass sich das ändert. Bundesweit suchen nach Angaben der Kreditanstalt für Wiederaufbau allein bis Ende 2020 227.000 Mittelständler einen Nachfolger für ihr Unternehmen. Viele jüngere Leute haben Sorge vor alleiniger Verantwortung. Auch hier kann die Genossenschaft eine sinnvolle Alternative sein. Wir werben dafür, den Steuerfreibetrag für Genossenschaftsanteile von 360 auf 5000 Euro anzuheben. Angesichts der Not vieler Inhaber bei der Nachfolgersuche, dürfte das helfen, viele Firmen zu retten.

Im Osten kam das Modell im vergangenen Jahr durch die Auszahlung von Dürrehilfen für Bauern in die Schlagzeilen. Die in den neuen Bundesländern häufigen Agrargenossenschaften fühlten sich gegenüber den Familienbetrieben im Westen durch hohe Auflagen für die Hilfen benachteiligt...
Der Aufwand für unsere Agrargenossenschaften in Sachsen-Anhalt mit durchschnittlich 40 Mitgliedern, die Einkommenssituation der Mitglieder offenzulegen, war eine große administrative Herausforderung, die nicht zu rechtfertigen ist, wenn man schnelle Hilfe verspricht. Trotzdem war es bemerkenswert zu sehen, wie die Mitglieder hinter ihren Genossenschaften stehen. Dies ist anzuerkennen und genau diese Anerkennung fordern wir von den politischen Verantwortlichen im Rahmen der EU-Verhandlungen zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP).

Ganz so rosig sieht es insgesamt doch nicht für die Genossenschaften aus, so scheint es.
Doch, im Gegenteil: Der Genossenschaftsgedanke ist aktueller denn je: Denn der Wunsch nach Partizipation und Eigenverantwortung bei den Menschen wächst. Und die Politik bewegt sich in Richtung besserer Rahmenbedingungen für Genossenschaften. Schon heute beteiligen sich rund 23 Millionen Bürger an Genossenschaften.