Osterweddingen l Aus der Ferne sieht es so aus, als habe jemand eine flache, gigantische Glasglocke über das Feld gestülpt. Mehr als sechs Hektar ist das Gewächshaus groß, das in Oster- weddingen (Landkreis Börde) derzeit errichtet wird. Als Jorg van der Wilt an diesem Tag durch die Erde stapft, staubt es. Kaum zu glauben, dass hier bald Gurken, Tomaten, Paprika und Erdbeeren wachsen sollen. In zwei Wochen plant Jorg van der Wilt, die ersten Pflanzen zu setzen.

Der Niederländer und zwei weitere Investoren haben rund elf Millionen Euro in die Hand genommen. Nachdem van der Wilt mehr als 20 Jahre lang in seiner Heimat Paprika und Tomaten angebaut hat, sucht er jetzt in Sachsen-Anhalt sein Glück. „Local for local“, sagt van der Wilt. Heißt: Das Gemüse soll zwischen Ernte und Verkauf im Supermarkt nicht weit fahren müssen. Frisch und knackig – das gibt Pluspunkte beim Kunden, weiß der Anbau-Experte.

Markt in Bewegung

Seit einigen Jahren fragen immer mehr Verbraucher regionale Produkte nach. Weil die holländischen Gemüsebauern ihre Marktanteile nicht verlieren wollen, disponieren sie um und ziehen näher an die Kunden. In Deutschland wird rund 90 Prozent des im Supermarkt verkauften Gemüses aus dem Ausland importiert. Tomaten und Gurken kommen vor allem aus den Niederlanden.

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Unter dem Glasdach in Oster- weddingen überlässt Jorg van der Wilt deswegen nichts dem Zufall. Die Investoren haben Hochtechnologie verbaut: Rohre mit Wasser, Nährstoffen und Wärme sollen den Turbo beim Tomaten-Wachstum zünden. Segel spenden dem empfindlichen Pflanzen an sommerlichen Tagen Schatten. Die Hülle des Baus ist aus besonders lichtdurchlässigem Glas. Die Spezial-Scheiben hat das benachbarte Glaswerk F-Glas entwickelt und hergestellt.

Viel heiße Luft

In Sachsen-Anhalt ist der Bau in der Börde nicht die einzige Investition holländischer Gemüsebauern: In Wittenberg wachsen seit 2013 Tomatenpflanzen. Drei niederländische Familien haben dort auf rund 15 Hektar Fläche Gewächshäuser errichtet. Derzeit entstehen weitere Glas-Giganten in der Lutherstadt. Nach dem Ende der Bauarbeiten soll in Wittenberg Deutschlands größte Gewächshaus-Anlage stehen: 40 Hektar Tomaten-Dschungel unter Glas.

Die niederländischen Geldgeber zieht nicht etwa der fruchtbare Boden nach Sachsen-Anhalt. In Osterweddingen ist der entscheidende Faktor des Geschäftsmodells aber unter der Erde vergraben: Eine rund 600 Meter lange Leitung führt von dem benachbarten Glashersteller direkt in die Gewächshäuser. „Das ist eine Win-win-Situation“, sagt Jorg van der Wilt.

Denn im Werk von F-Glas wird es bei der Produktion der dünnen Scheiben richtig heiß, Temperaturen von bis zu 1500 Grad entstehen. Bislang muss das Unternehmen die Abwärme mit hohem Aufwand runterkühlen. Die ungenutzte Energie ist also gewissermaßen Produktionsabfall.

Standortvorteil

Künftig sorgt die Hitze in Jorg van der Wilts Gewächshäusern für wohlige Temperaturen. F-Glas wird für die Lieferung der Abfall-Wärme vergütet, der holländische Gemüsebetrieb kann dennoch die Energiekosten deutlich senken. „Ohne diesen Standortvorteil wäre das Projekt in Sachsen-Anhalt nicht darstellbar“, sagt der Niederländer.

Auch in Wittenberg setzen die Gemüsebauern auf gute Nachbarschaft: In der Lutherstadt wachsen die Tomaten direkt neben Deutschlands größtem Produzenten für Ammoniak und Harnstoff. In den Anlagen des Chemiewerks SKW Piesteritz entsteht bei der Produktion der Düngemittel nicht nur viel Wärme, sondern auch Kohlendioxid. Über eine 500 Meter lange Pipeline gelangen Gas und Hitze direkt in die Tomatenplantage.

Eine große Energiequelle in direkter Nähe ist entscheidend, sagt Helmut Rehhahn. Der frühere Landwirtschaftsminister Sachsen-Anhalts hat den Gewächshaus-Projekten in Osterweddingen und Wittenberg aus den Kinderschuhen geholfen. Rehhahn hatte im Bundesland jahrelang Standorte analysiert und festgestellt: Nur Flächen mit alten Industrieanlagen, die genügend Abwärme produzieren, kommen für die Gewächshaus-Projekte infrage.

Zwist in Sangerhausen

Doch nicht nur das Konzept des Ex-Politikers zieht die Niederländer in das Bundesland: Auch die Förderprogramme von Land und Bund machen den Gewächshaus-Bau für Investoren attraktiv. Derzeit werden gut 15 Prozent der Investitionssumme vom Staat getragen. Doch die Zeit für großzügige Subventionen läuft ab. Nach der aktuellen Förderperiode wird die Europäische Union die Sätze für Sachsen-Anhalt deutlich kürzen. Dann könnte der Gewächshaus-Boom schnell vorbei sein.

Zuletzt war auch in Sangerhausen (Mansfeld-Südharz) der Bau von Gewächshäusern im Gespräch. Die Stadt ging in Vorleistung, erwarb eine Fläche. Doch seitdem der Investor eine Anzahlung leisten soll, ist Funkstille. Zuvor hatten Experten am Konzept des vermeintlichen Geldgebers gezweifelt. Denn dem Grundstück fehlt der entscheidende Standortvorteil: eine Energiequelle in der Nachbarschaft, die das Gemüse mit Abfall-Wärme versorgen kann.