Magdeburg/Wolmirstedt/Haldensleben/Gardelegen l Endlich. Sabine Grosse darf nach fast fünf Wochen am Montag ihre Intersport-Filiale in Magdeburg wieder öffnen. Die 62-Jährige ist erleichtert: „Ich kann viel aushalten, aber ich muss Licht am Ende des Tunnels sehen.“ Als Unternehmerin ist sie es gewohnt, Risiken einzugehen und zu tragen. In der aktuellen Krise hat sie jedoch lernen müssen, dass Geschäftspartner ein durchaus dehnbarer Begriff sein kann.

Sabine Grosse ist seit fast 30 Jahren Kundin bei der Kreissparkasse Börde. Zu ihrem Geschäftskonto gehört ein Kontokorrentkredit, also eine Überziehungsmöglichkeit in vereinbarter Höhe. Sie sagt, sie bezahlt dafür Zinsen in Höhe von 10,9 Prozent. Die Folgen der Corona-Pandemie ziehen ihr den Boden unter den Füßen weg. Keine Kunden, kein Umsatz. Das Onlinegeschäft macht das nicht wett. Sie hat Verantwortung für 13 Mitarbeiter und jeden Monat rund 60 000 Euro feste Kosten. „Ich arbeite mit drei Banken zusammen.

Die Deutsche Bank hat den Zinssatz sofort drastisch gesenkt. Die Commerzbank bietet mit 3,75 Prozent ohnehin niedrige Konditionen an. Die Kreisparkasse Börde sagte Nein zu einer Senkung“, berichtet Sabine Grosse. Und rief bei Facebook auf, dass sich andere Betroffene bei ihr melden sollen.

„Es gibt nicht den einen Zinssatz für Geschäftskunden“, erläutert Marco Reichel, Pressesprecher der Kreissparkasse Börde. Und: „Wir unterliegen aufsichtsrechtlichen Vorschriften.“

Weitere Kredite angeboten

Außerdem gebe es ein Sonderkreditprogramm, Unternehmer bekämen derzeit 10 000 Euro für 2,49 Prozent Zinsen. Sabine Grosse möchte keinen weiteren Kredit, sie wünscht sich Entgegenkommen, Hilfe. Der öffentliche Druck, den sie erzeugte, zeigt offenbar Wirkung. Denn die Kreissparkasse Börde senkt ihren Überziehungszins nun doch. Von 10,9 Prozent auf 6,9%, befristet bis zum 30. September. „Das ist immer noch viel zu hoch“, sagt Sabine Grosse, „in der heutigen Niedrigzinsphase finde ich 10,9 Prozent sittenwidrig.“ Während Kreissparkassen-Pressesprecher Marco Reichel am liebsten gar nicht über das Thema Zinsabsenkung sprechen möchte, bezieht der Ostdeutsche Sparkassenverband in Berlin geradezu offensiv Position. „Kunden, die aufgrund der Corona-Krise in Probleme geraten, haben aktuell die Möglichkeit, die Stundung beziehungsweise Aussetzung der Kreditzahlungen für drei Monate zu beantragen. Dem wird in der Regel unbürokratisch und schnell entsprochen“, teilt Verbands-Pressesprecherin Cosima Ningelgen mit.

Tatjana Neuzerling kennt die Sorgen von Sabine Grosse nur zu gut. Die 51-Jährige hat zwei Geschäfte für Damen- und Herrenmode, Plaza Moda in Haldensleben und Wolmirstedt. „Die Volksbank hat meine Kreditzinsen nicht runtergesetzt“, berichtet sie. Keine Chance. Außerdem wartet sie noch immer auf die Auszahlung der Corona-Soforthilfe, auch das März-Kurzarbeitergeld für ihre vier Mitarbeiter ist noch nicht auf ihrem Konto. Sabine Grosse hat bislang auch nur eine Eingangsbestätigung ihres Antrages auf Soforthilfe. Und alle Kosten laufen weiter.

Auch bei Konditormeister Lutz Pfeiffer. Er will in Gardelegen investieren, in einer alten Gärtnerei ein Cafe einrichten. „Plötzlich will die Sparkasse immer mehr Unterlagen sehen“, sagt der Chef, der zehn Geschäfte führt und 60 Mitarbeiter hat. Sorge bereitet ihm auch die Haltung einiger Vermieter. Denn längst nicht jeder lasse sich auf Zahlungsaufschub ein. „Die Kleinen schon eher. Im Florapark in Magdeburg aber muss ich jeden Monat 14 000 Euro Miete bezahlen. Die sagen: Der Vertrag ist gültig. Ohne Wenn und Aber.“