Berlin (dpa) l Sie bezahlen ihrem Lehrling den Führerschein, eine Vergütung über Tarif, einen Bonus für gute Berufsschulnoten. Sie gewähren großzügig Urlaub und geben Geld für bessere Berufskleidung, Bücher oder gar Fitnessclub-Mitgliedschaften. Jeder zehnte Betrieb in Deutschland hat mittlerweile solche Not, „Azubis“ zu gewinnen, dass er auf finanzielle und materielle Anreize („Goodies“) setzen muss. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hat für seinen Report „Ausbildung 2017“ Eindrücke und Stimmungen in gut 10 500 Betrieben gesammelt.

Wie ist die Lage am Lehrstellenmarkt aus Sicht der Unternehmen?

Angespannt wäre noch untertrieben. „Heute können über doppelt so viele Betriebe ihre Ausbildungsplätze nicht besetzen wie vor zehn Jahren“, bedauert DIHK-Präsident Eric Schweitzer. „Inzwischen ist das bei knapp einem Drittel der Unternehmen der Fall. Fast jeder zehnte Ausbildungsbetrieb hat noch nicht einmal eine Bewerbung erhalten.“ Wenn nicht mehr genug Fachkräftenachwuchs aus der dualen Bildung kommt, ist es bis zu einem echten Fachkräftemangel nicht mehr weit – für Firmen in Deutschland „das Konjunkturrisiko Nummer eins“.

Decken sich diese Einschätzungen mit offiziellen Zahlen?

Im Großen und Ganzen schon. Nach dem Anfang April veröffentlichten Berufsbildungsbericht der Bundesregierung sank die Gesamtzahl der neu abgeschlossenen Lehrverträge 2016 auf gut 520.000. Fünf Jahre davor wurden noch fast 570.000 Lehrstellen besiegelt. Als Erklärung gelten die demografische Entwicklung mit immer weniger jungen Menschen in Deutschland und der Trend zum Studium. Die Zahl offener Azubi-Plätze wuchs im Vorjahr auf 43.500. Diese bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten unbesetzten Lehrstellen sind laut DIHK aber nur die Spitze des Eisbergs – insgesamt seien es eher 100.000.

Hat also quasi jeder Lehrstellenbewerber die freie Auswahl?

Rein theoretisch können sich derzeit 100 Schulabgänger aus 104 Ausbildungsangeboten bedienen. Doch obwohl die Betriebe schon voriges Jahr oft händeringend suchten, gingen gut 20.000 Jugendliche leer aus. Der Grund: Sogenannte Passungsprobleme – etwa weil Jugendliche mit ihren Abschlüssen nicht den Ansprüchen der Firmen genügten oder weil sie nicht mobil genug waren. Der DIHK-Report stellt trotz aller Notlagen klar: „Qualifizierte Ausbildung braucht gute Schulbildung.“ Aber gerade die sei angesichts gravierender Mängel von Schulabgängern in Deutsch und Mathematik ein Problem für viele Betriebe.

Wie steht es denn um die „Ausbildungsreife“ der Bewerber?

Laut Umfrage sank der Anteil der Lehrbetriebe, die total zufrieden mit den angebotenen Qualifikationen sind, auf unter zehn Prozent. Umgekehrt stellten 91 Prozent der Firmen Mängel fest – und passten sich an: „Der Anteil der Betriebe, die keine Möglichkeit sehen, lernschwächere Jugendliche auszubilden, sinkt stetig“. Mit Nachhilfe oder einer „Assistierten Ausbildung“ gelinge immer mehr dieser Jugendlichen der Einstieg.

Was muss sich nun ändern?

DIHK-Chef Schweitzer sieht Schulen und Lehrer in der Pflicht, um sowohl die aktuelle Ausbildungsreife als auch die grundsätzliche Bereitschaft von Jugendlichen für eine duale Ausbildung zu erhöhen. Gefordert seien aber auch die Elternhäuser, ja die Gesellschaft insgesamt. Laut DIHK-Firmenumfrage verstören nämlich auch schwache Sozialkompetenzen vieler Schulabgänger. Ein knappes Drittel der Betriebe ärgert sich über mangelndes Interesse für den Job oder geringe Aufgeschlossenheit. Bei Leistungsbereitschaft und Motivation, Disziplin und Belastbarkeit sehe es noch schlechter aus – in diesen Bereichen würden „neue Tiefstände der Unzufriedenheit erreicht“.

Zu wenig Bewerber oder die falschen: Müssen Firmen woanders suchen?

Es sei nun „umso wichtiger, dass wir vorhandene Potenziale nutzen“, etwa von Studienabbrechern oder Flüchtlingen, so Schweitzers Credo. Derzeit landen immerhin 43 Prozent der Studienabbrecher zügig in einer Berufsausbildung (2008: 22 Prozent). Den DIHK-Betrieben sind solche schulisch gut gebildeten Menschen hochwillkommen, sagt Vize-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks. „Aber besser wäre es natürlich, sie gingen ohne den Umweg eines abgebrochenen Studiums in die duale Ausbildung.“ Auch bei Flüchtlingen werden Firmen fündig: Derzeit bilden rund sieben Prozent der DIHK-Betriebe Geflüchtete aus (2016: drei Prozent). Fast jedes fünfte Unternehmen will demnächst Flüchtlinge als Lehrlinge nehmen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen – vor allem Deutschkenntnisse und ein gesicherter Aufenthaltsstatus.

Und was sagen die Gewerkschaften zur DIHK-Analyse?

Auch der DGB findet die Lage nicht rosig – allerdings aus anderen Gründen. DGB-Vize Elke Hannack sagt: „Jugendliche mit einem niedrigeren Schulabschluss sind von vielen Angeboten oft von vorneherein ausgeschlossen.“ Wegen dieser „Bestenauslese“ hätten derzeit gut 1,2 Millionen Menschen zwischen 20 und 29 Jahren keine abgeschlossene Ausbildung.