Bad Lauterberg (dpa) l Immer weniger Menschen wollen am Steuer eines Lastwagens sitzen. "Bundesweit fehlen derzeit schon mehr als 60.000 Fahrer", beklagt Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Bundesverbands Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL). Die Gewerkschaft Verdi geht sogar von 90.000 unbesetzten Stellen aus.

In Niedersachsen sind die Auswirkungen spürbar. "Der Fahrermangel ist für die Betriebe zum größten wirtschaftlichen Risiko geworden", sagte der Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands Verkehrsgewerbe Niedersachsen (GVN), Benjamin Sokolovic. Viele Aufträge müssten unerledigt bleiben.

Ein Großteil der derzeit rund 560.000 bei den Speditionen in Deutschland angestellten Fahrer werde in den kommenden Jahren in Rente gehen. Deshalb werde das Problem immer größer, sagte Engelhardt im Vorfeld der Mitgliederversammlung des Bundesverbands Güterkraftverkehr am Donnerstag im südniedersächsischen Bad Lauterberg. Seine Branche befürchte einen Versorgungskollaps. Im BGL sind rund 7000 Unternehmen organisiert.

3,5 Milliarden Paketsendungen

Statt weniger würden eigentlich immer mehr Fahrer gebraucht, sagte der BGL-Vorstand. Dazu trage auch das ständig steigende Frachtaufkommen aus dem Online-Handel bei. "Derzeit gibt es bundesweit pro Jahr 3,5 Milliarden Paketsendungen", sagte Engelhardt. "Und man kann davon ausgehen, dass das Volumen innerhalb der nächsten zehn Jahre auf neun Milliarden Pakete steigen wird."

Diese Frachtmenge sei kaum zu bewältigen, sagte Engelhardt. Schon jetzt klagten die meisten Speditionen, dass sie nicht mehr alle Aufträge erledigen können. "Manchmal haben die Speditionen wegen des Fahrermangels mehr Steh- als Fahrzeuge auf dem Hof", sagte Sokolovic mit Blick auf Niedersachsen. Die Verbände beklagen, dass schon zahlreiche Lastwagen abgemeldet und viele Fuhrparks verkleinert werden mussten. Derzeit erwerben nach Angaben des BGL in Deutschland rund 15.000 Menschen pro Jahr einen Lkw-Führerschein. Da die Zahl der in Rente gehenden Trucker doppelt so hoch sei, werde sich die Lage verschärfen.

"Wir befürchten, dass es in den nächsten Jahren zu einem Versorgungskollaps kommt, der sich gewaschen hat", sagte Engelhardt. Die zuletzt deutlich gestiegenen Löhne hätten an der Situation nichts geändert. Nach Angaben von Verdi verdienen Lastwagenfahrer in Deutschland derzeit zwischen 1900 und 3500 Euro brutto im Monat.

Die nach Einschätzung der Gewerkschaft weiterhin zu schlechte Bezahlung trage aber nur zum Teil zur ständig sinkenden Attraktivität des Berufs bei, sagte der Bundesfachgruppenleiter Speditionen, Stefan Thyroke. "Familie und Beruf lassen sich immer schlechter vereinbaren." So gebe es keine Sicherheit bei der Tourenplanung. "Richtig schlimm ist das bei Fahrern aus anderen EU-Mitgliedsstaaten, die ihren Wohnsitz im Heimatland haben und teilweise für mehrere Monate unterwegs sind, ohne zwischendurch nach Hause zu kommen", sagte Thyroke. "Die Arbeitsbedingungen seien in vielerlei Hinsicht problematisch." Verdi zufolge fehlt es an Wertschätzung für Lkw-Fahrer. Sie müssten oft stundenlang an den Laderampen warten. "Da sagen sich viele Lkw-Fahrer: Das tue ich mir nicht mehr an."

Immernoch fehlen Parkplätze

Erschwerend kommt nach Darstellung des BGL hinzu, dass an den Fernrouten weiterhin Parkplätze fehlen, wo Fahrer die gesetzlich vorgeschriebenen Pausen einlegen können. "Die allabendliche vergebliche Parkplatzsuche gehört für Zehntausende Fahrer leider noch immer zum Arbeitsalltag", beklagt Vorstandssprecher Engelhardt.

Zusätzliche Fahrer in osteuropäischen EU-Ländern anzuheuern ist nach Darstellung des BGL anders als in früheren Jahren kaum noch möglich. Auch dort gebe es inzwischen einen eklatanten Fahrermangel, bestätigt Verdi-Experte Thyroke. So fehlten etwa in Polen ebenfalls mehrere Zehntausend Trucker, was dazu führe, dass deutsche Speditionen Personal mittlerweile in der Ukraine und sogar auf den Philippinen anheuerten.

Der niedersächsische Branchenverband versuche zudem, Fahrer aus Montenegro und anderen Nicht-EU-Staaten vom Balkan nach Deutschland zu holen, sagte Hauptgeschäftsführer Sokolovic. "Und wir tun dann alles, um sie hier zu integrieren."