Matrose in der DDR, Chef bei McDonalds

Holger Beeck wurde am 7. Juni 1959 in Halle an der Saale geboren. Nach der 10. Klasse absolvierte er eine Ausbildung zum Matrosen für die Binnenschifffahrt. Zwischen 1978 und 1984 lebte Beeck in Magdeburg.

1984 stellte Beeck mehrere Ausreiseanträge und konnte schließlich mit seiner Familie in den Westen übersiedeln. Er begann eine Management-Ausbildung bei McDonalds. 2005 wurde er Mitglied im Vorstand, setzte unter anderem das McCafé-Konzept erfolgreich um. Seit 2013 ist er Chef von McDonalds Deutschland. Holger Beeck ist verheiratet und hat zwei Kinder.

McDonalds ist seit 1971 in Deutschland vertreten. Die erste Filiale in Westdeutschland öffnete in München und ist bis heute in Betrieb. Die erste Filiale in Ostdeutschland wurde im Sommer 1990 im sächsischen Plauen eröffnet. Inzwischen betreibt das Unternehmen mit seinen Franchise-Nehmern 1477 Restaurants.

In Deutschland hat die Fast-Food-Kette zuletzt 58 000 Mitarbeiter beschäftigt und einen Umsatz von etwa drei Milliarden Euro erwirtschaftet. Weltweit betreibt McDonalds in 119 Ländern mehr als 36 000 Restaurants. Etwa 1,8 Millionen Mitarbeiter zählt der Konzern.

Nur wenige Top-Manager kommen heutzutage aus dem Osten. Holger Beeck ist einer von ihnen. 1984 hat er die DDR verlassen, um im Westen neu anzufangen. Inzwischen ist er der Chef von McDonalds Deutschland.

Herr Beeck, wann waren Sie das letzte Mal in Magdeburg?

Holger Beeck: Das war im Sommer vergangenen Jahres, da habe ich mit meiner Frau, meinen Söhnen und meiner Schwiegertochter ein Galopprennen im Magdeburger Herrenkrug besucht. Ich hatte meiner Familie nämlich versprochen, dass ich ihnen mal zeige, wo wir ursprünglich herkommen.

Ein Besuch in der alten Heimat also.

Ja, ich wurde in Halle geboren und habe von 1978 bis April 1984 in Magdeburg gelebt.

Als Student?

Nein, ich formuliere es mal so: Als junger Mann, der auf der Suche war. Ich war nicht besonders gut gelitten, auch aus politischen Gründen. Ich musste mir stets Mühe geben, meine oppositionelle Haltung gegenüber dem Staat nie direkt zum Ausdruck zu bringen.

1984 sind Sie in den Westen gegangen – obwohl damals die Mauer noch stand. Wie haben Sie das geschafft?

Ich habe Ausreiseanträge gestellt, allerdings nicht nur einen, sondern eine Vielzahl. Ich war damals 25 Jahre alt, jung verheiratet und wollte mit meiner Frau, die schwanger war, und mit meinem fünfjährigen Sohn nach Westdeutschland.

Ihnen ging es um Freiheit.

Um Freiheit. Und um nichts anderes. Dies habe ich in meinem damaligen Umfeld vermisst.

Wie schnell gelang es Ihnen, im Westen Fuß zu fassen?

Oh, das war ein Kontrastprogramm. Teilweise hatte ich das Gefühl, dass eigentlich nur die Sprache die gleiche war. An vieles mussten wir uns erst gewöhnen.

Sie haben dann allerdings recht zügig bei McDonalds angefangen – warum ausgerechnet dort?

In Gießen habe ich an einem Abend ein Restaurant mit einem goldenen M gesehen und das war voll mit Menschen. Wenig später habe ich das McDonalds-Logo in einer Tageszeitung erneut entdeckt und dachte, das könnte was für mich sein. Es war eine Bauchentscheidung. Ich dachte, das ist ein amerikanisches Unternehmen. Die fragen dich bestimmt nicht, warum du einen anderen Dialekt hast, warum du aus dem Osten in den Westen gekommen bist. War dann tatsächlich auch weitgehend so. Es war egal, wo ich herkam, es war nur wichtig, was ich machen will und welchen Beitrag ich leisten kann.

Sie haben bei McDonalds also von null angefangen.

Ja, ich war so kühn, mich für ein Trainee-Programm zu bewerben, habe dann ein Aufnahmeverfahren durchlaufen und durfte anfangen.

Zusammengefasst kann man sagen, Sie haben eine Karriere vom McDonalds-Tresen ins Top-Management hingelegt?

Also die Ausbildung hatte schon das Restaurant-Management zum Ziel, aber ja, faktisch war es ein Start von null an.

Nur wenige Top-Manager kommen heutzutage gebürtig aus Ostdeutschland. Warum?

Das ist schwer zu sagen. Ich kann nur für mich sprechen und da galt: Wie immer im Leben braucht man Glück. Man muss zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Und man muss auch leiden können. Leiden und leiten gehören manchmal zusammen. Das gilt aber in Ost wie West.

Ist das Ihr Erfolgsrezept?

Ein Teil mit Sicherheit. Man muss zudem Ausdauer, Durchsetzungsvermögen und vor allem einen gesunden Menschenverstand mitbringen. Es hilft sehr, wenn man ein Menschenfreund ist. Denn egal um was es geht, Menschen sind immer das Wichtigste.

Nun sind Sie seit Dezember 2013 Chef von McDonalds in Deutschland. Worin bestehen Ihre Kernaufgaben?

Meine Aufgaben bestehen unter anderem darin, die Marke voranzutreiben und für die Zukunft fit zu machen. Dabei spielt natürlich das wirtschaftliche Ergebnis eine entscheidende Rolle – also Umsatz und Gästezahlen beispielsweise. Und ganz wichtig bei McDonalds: eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Franchise-Nehmern, momentan sind das 238.

Die Franchise-Nehmer sind ja Unternehmer, die das Geschäftskonzept von McDonalds für ihre Filialen übernehmen. Wenn nun ein neuer Burger auf den Markt kommt, prüfen Sie da persönlich, ob der schmeckt?

In der Tat mache ich das. Konzipiert wird er aber natürlich von unseren Profis in der Marketing- und Produktabteilung. Und die leisten exzellente Vorarbeit.

Über Jahrzehnte ist McDonalds in Deutschland gewachsen, zuletzt gab es jedoch einen Knick in der Umsatzentwicklung. Was ist da passiert?

Ich denke, dass wir nach Jahren des Erfolgs begonnen hatten, Fehler zu machen. Wir haben auf Entwicklungen zu langsam reagiert, den Gast nicht mehr genug in den Mittelpunkt gestellt. Das führte zu zwei schwierigen Jahren in 2013 und 2014. Wir haben aber aus diesen Fehlern und der Entwicklung gelernt und die richtigen Schlüsse gezogen. Im vergangenen Jahr ist es uns dann gelungen, den Negativ-Trend zu stoppen. Wir sind in unserem Bereich allerdings mit 70 Prozent nach wie vor Marktführer – das darf man nicht vergessen. Und es ist normal, dass viele von diesem Kuchen gerne etwas abbekommen wollen. Damit gilt es umzugehen.

Ein Trend besteht darin, dass sich immer mehr Menschen bewusster ernähren. Fällt es McDonalds schwer, sich dieser Entwicklung anzupassen?

Nein, das würde ich so nicht sehen. Zu unseren Stärken gehörte immer, Trends erfolgreich aufzugreifen, teilweise sogar zu prägen. Aber nicht jeder Trend ist auch Garant für umfassenden geschäftlichen Erfolg. Beispiel Vegetarismus: Nur ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung will weniger Fleisch essen und nur ein Teil davon will ganz auf Fleisch verzichten. Trotzdem berücksichtigen wir dies, denn wir wollen ein Restaurant für alle sein. Deshalb gibt es einen Veggie-Burger oder auch Salate im Angebot. Und sollten künftig noch mehr Gäste sagen, sie wollen gänzlich auf Fleisch verzichten, dann würden wir uns auch darauf einstellen. Letztlich werden wir uns immer darum bemühen, das anzubieten, was unsere Gäste möchten.

Vorübergehend hatte McDonals auch Bioburger im Sortiment. Warum wurde der Trend zu Bio-Produkten nicht weiter verfolgt?

Es war kein kompletter Bio-Burger, sondern ein Burger mit Bio-Fleisch, den wir von Anfang an als vorerst zeitlich begrenztes Angebot geplant hatten – das haben wir auch deutlich gesagt. Und ja, sicherlich gibt es den Trend zu Bio-Produkten. Aber wir haben festgestellt, dass das für uns bisher noch eine Nische ist. Wir haben trotzdem viel gelernt. Wir mussten zum Beispiel erst einmal die Frage klären, ob wir mit unserem Produktions- und Liefersystem überhaupt in der Lage sind, tonnenweise Bio-Fleisch zu beziehen und deutschlandweit zu verkaufen.

Sicher eine Herausforderung bei knapp 1500 Filialen in Deutschland.

Für die Bio-Fleisch-Aktion, die es bei uns gab, mussten wir zunächst mehrere Hundert Tonnen Bio-Fleisch besorgen, zudem alle Restaurants zertifizieren lassen. Wir haben das gut hinbekommen – aber wirtschaftlich lässt sich das Ganze auf Dauer bislang einfach noch nicht darstellen.

„Veggie“ und „Bio“ sind Schlagwörter, „Frische“ neuerdings aber auch. In den USA testet McDonalds den Einsatz von frischem Rindfleisch, was hat es damit auf sich?

McDonalds ist gut beraten, immer wieder Neues auszuprobieren. Insofern verfolgen wir diesen Test auch mit großer Neugier. Aber im Moment hat das noch keine Relevanz fürs Alltagsgeschäft hier in Deutschland. Gerade einmal 14 Restaurants in Texas führen diesen Test durch. Allein hierzulande haben wir knapp 1500 Restaurants, weltweit sind es mehr als 36 000.

Sie geben dem Frischfleisch also keine Chance?

Das habe ich nicht gesagt. Nur ist die Art, wie wir im Moment unsere Restaurants betreiben, auf die herkömmliche Art der Zubereitung zugeschnitten. Wir können nicht einfach von heute auf morgen alles umstellen. Hierzulande wird das Fleisch für unsere Burger sofort nach der Verarbeitung zu den sogenannten Patties schockgefrostet. Diese werden tiefgekühlt und unter strenger Einhaltung der Kühlkette an die Restaurants geliefert. Damit garantieren wir Hygiene und damit Lebensmittelsicherheit. Dennoch ist ganz klar, dass Frische ein wichtiger Trend ist. Und wir werden immer überlegen, ob und wo wir uns weiterentwickeln können.

In Deutschland gibt es immer mehr Anbieter von Edel-Burgern. Sehen Sie in Restaurantketten wie „Hans im Glück“ eine Konkurrenz?

Jeder, der etwas zu Essen anbietet, ist in gewisser Weise ein Konkurrent. Die neuen Burger-Restaurants sprechen spezielle Zielgruppen an, sie sind nicht darauf ausgerichtet, Burger für jedermann zu braten. Marktdruck auf McDonalds entfalten da eher die vielen Bäckereien und Tankstellen, die in den vergangenen Jahren ihr Imbiss-Geschäft erheblich ausgebaut haben.

Wie wollen Sie nun McDonalds weiterentwickeln?

Drei Stichpunkte: Digitalisierung, Individualisierung und Service. So sollen zum Beispiel Gäste in naher Zukunft über ihr Smartphone bei uns ihre Burger vorab bestellen können. Außerdem sollen sie die Möglichkeit bekommen, die Burger selbst zu kreieren. Und wir wollen in den Restaurants künftig den schnellsten Tischservice der Welt anbieten.

Wann kommen die neuen Angebote an den Start?

Ab Juli beginnen wir mit dem flächendeckenden Umbau unserer Stores nach dem Vorbild unseres Flagship-Restaurants am Frankfurter Flughafen. Dazu gehört gerade auch die Installation von digitalen Bestellterminals, sogenannten Kiosken, an denen der Gast seinen Burger individualisieren kann. Dies geht, weil wir ein neues Küchensystem nutzen, bei dem das Produkt erst auf Bestellung hin zubereitet wird. Bereits ab Juli wird man in den umgebauten Restaurants in einem ersten Schritt einige Burger mit Extra-Zutaten individuell verfeinern können. Zum Beispiel mal einen McRib mit Jalapenos. Der Gast kann dann ebenso wählen, ob er sich das Essen an den Tisch bringen lassen möchte. Der Smartphone-Service folgt dann später.

Wie oft essen Sie eigentlich bei McDonalds in der Woche?

So zwei, drei Mal, denke ich.

Was empfehlen Sie Ihren Kindern?

Meine Kinder sind ja inzwischen erwachsen. Aber meine Familie isst tatsächlich regelmäßig bei McDonalds, sie können sich ja dort auch ausgewogen ernähren. Mal zum Frühstück ein Rührei. Am nächsten Tag essen sie vielleicht einen Salat, dann mal einen Burger. Entscheidend ist immer Ausgewogenheit und ausreichend Bewegung. Wenn ich jetzt noch kleine Kinder hätte, dann würde ich sagen, dass es völlig in Ordnung ist, wenn sie einmal in der Woche bei McDonalds essen.

Jetzt nach Jahren bei McDonalds – wie schauen Sie nun zurück auf Ihre alte Heimat, auf Magdeburg und Halle?

Also als Erstes schaue ich mir an, was der Hallesche FC und der 1. FC Magdeburg machen. Und da weiß ich, dass sie sich wacker schlagen in der 3. Liga. Beim Werbespruch „Land der Frühaufsteher“ denke ich immer an meinen Vater, weil der so ein Frühaufsteher war. Der Stand jeden Morgen um fünf Uhr auf, das vergesse ich mein Leben lang nicht.

Ich freue mich ehrlich gesagt, wenn ich hinfahre und sehe, was sich dort getan hat. Unser Land war ja zu DDR-Zeiten speziell um Halle mit der Chemieindustrie nicht gerade von höchster Lebensqualität geprägt. Und heute bin ich in einem sauberen, schönen Teil Deutschlands, wenn ich dort hinkomme. Das verbindet mich damit, genauso wie meine Jugenderinnerungen, die jeder Mensch hat. Dazu gehören wie bei allen gute und schlechte, aber ich bin froh, dass alles so gekommen ist, wie es jetzt ist.