Berlin (dpa) l Für die einen war der Mindestlohn ein historischer Schritt zu mehr Gerechtigkeit, für die anderen ein historischer Fehler mit verheerenden Wirkungen. Hunderttausende Jobs würden wegfallen, warnten einige Wirtschaftsinstitute. Ein Jahr ist die 8,50-Euro-Lohnuntergrenze in Deutschland zum Jahreswechsel alt – was hat sie gebracht?

Bis heute sind die Arbeitgeber alles andere als glücklich. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer klagt über „bürokratische Auswüchse“ des Mindestlohngesetzes – die Folgen seien unnötige Kosten und massive Rechtsunsicherheit auch dort, wo viel höhere Löhne gezahlt würden. „Der Mindestlohn zeigt bereits jetzt negative Wirkungen auf dem Arbeitsmarkt“, so Kramer. „Die Zahl der ausschließlich geringfügig Beschäftigten ist gegenüber dem Vorjahr um rund 200.000 gesunken – vor allem wegen der zusätzlichen Bürokratie, die für diese Beschäftigungsverhältnisse unnötigerweise eingeführt worden ist“, sagt Kramer mit Blick auf die Pflicht zur Aufzeichnung der Arbeitszeit.

DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell betont: „Es liegt die Vermutung nahe, dass Minijobs zu regulären (Teilzeit)-Stellen zusammengelegt wurden.“ Denn insgesamt nahm die Beschäftigung auf Rekordniveau zu. Vor allem aber freut sich der DGB-Mann über die Effekte auf dem Lohnzettel. „Insbesondere Frauen, Ungelernte, Beschäftigte in Dienstleistungsbranchen und in Ostdeutschland profitieren vom gesetzlichen Mindestlohn“, sagt Körzell unter Verweis auf das Statistische Bundesamt. So habe es binnen eines Jahres bundesweit einen Anstieg der Löhne von Ungelernten in Voll- und Teilzeit um 3,3 Prozent bis Juni gegeben – Ausreißer nach oben: Frauen im ostdeutschen Gastgewerbe mit einem Plus von 19,5 Prozent, bei Männern waren es 15 Prozent.

Der Lohn- und Tarifexperte des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Hagen Lesch, gibt zu bedenken, unterm Strich sei noch nicht klar, wie der Mindestlohn angekommen sei. Büßen Beschäftigte beispielsweise bei Sonderzahlungen ein, weil andere mehr bekommen?

9 Euro illusorisch?

Mit Blick auf die Effekte auf den Jobmarkt betont Thorsten Schulten, Arbeitsmarktexperte des gewerkschaftsnahen Forschungsinstituts WSI: „Die Verkünder von Horrorszenarien sind blamiert.“ Die Branche mit dem prozentual höchsten Beschäftigungszuwachs sei das Gastgewerbe – „obwohl es hier einen großen Niedriglohnbereich gibt und der Mindestlohn hier die größte Wirkung entfaltet“. Innerhalb eines Jahres stieg die Zahl der regulär Beschäftigten laut Bundesagentur für Arbeit hier um 6,5 Prozent oder 62.000.

Und was passierte mit den Preisen? Die Experten sind sich einig: Teurer wurde es nur in einzelnen Branchen, allen voran die Taxipreise. Die Nagelprobe – mahnt IW-Experte Lesch – komme aber erst in Zeiten des Abschwungs. Bisher konnten die Unternehmen höhere Löhne weitergeben – „und die Konsumenten können das hinnehmen“.

Die Debatte über die erste Anhebung der Lohngrenze nimmt wieder an Fahrt auf. Beraten wird sie in der Mindestlohnkommission aus Vertretern von Gewerkschaften und Arbeitgebern. Anfang 2017 soll der Mindestlohn angepasst werden. Verdi-Chef Frank Bsirske hatte bereits 10 Euro gefordert – BDA-Präsident Kramer hält bereits 9 Euro für illusorisch.