Lokal und online

Wer ein Geschäft führt, aber auch online Waren verkauft, wird als Multichannelhändler bezeichnet. Die Volksstimme hat sich bei mehreren Unternehmern im Norden Sachsen-Anhalts umgehört, wie wichtig für sie der Onlinehandel inzwischen ist:

be:strange

Modegeschäft in Magdeburg

Inhaberin: Kristin Rakel

Anteil des Onlinehandels am Gesamtumsatz: 80 Prozent

de.dawanda.com/shop/bestrange

Deadheads Clothing

Modegeschäft in

Haldensleben

Inhaberin: Doreen Endres

Anteil des Onlinehandels am Gesamtumsatz: 25 Prozent

www.deadheadsclothing-design.de

L&S Kindermöbel und Spielzeug

Spielzeuggeschäft in

Calbe/Saale

Inhaber: Sebastian Pape

Anteil des Onlinehandels am Gesamtumsatz: 50 Prozent

www.spielzeugabenteuerland.de

Ostprodukte-Versand

Versandhandel für Ostprodukte aus Tangermünde

Inhaber: Torsten Klipp

Anteil des Onlinehandels am Gesamtumsatz: 95 Prozent

Anmerkung: Der Versand ist als Online-Händler gestartet.

www.ostprodukte-versand.de

Magdeburg l Tobias Wermelskirchen faltet ein Paket zusammen und legt eine Jeanshose hinein. „Wenn gerade kein Kunde im Laden bedient werden möchte, kümmere ich mich um die Bestellungen, die wir über das Internet erhalten“, erzählt der 31-jährige Kaufmann. Neben dem Kassentresen stapeln sich bereits ein gutes Dutzend Sendungen, die ebenfalls verschickt werden müssen.

„Die meisten Ladenkunden denken, das ist eine Warenlieferung, nur wenige wissen, dass unser Geschäft gleichzeitig als Warenlager für den Onlineshop fungiert“, erzählt Wermelskirchen. 20 bis 50 Pakete muss er im Schnitt mit seinen Kollegen pro Tag packen, im vergangenen Jahr hat Stuff Fashion mehr als 7000 Onlinekunden beliefert – und auf die Weise 70 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet.

„Wir verschicken Waren inzwischen in 54 Länder, ein Stammkunde von uns sitzt in Australien“, erzählt Olaf Schuster. Vor zehn Jahren hat der heute 47-Jährige das Geschäft gegründet. „Ich bin hier damals angetreten, um Mode im mittleren und hochpreisigen Segment zu verkaufen“, erzählt er. Schuster sah darin eine Marktlücke, denn in der „Arbeiterstadt“ Magdeburg habe es kaum Premium-Anbieter gegeben.

Bilder

12 Prozent Wachstum

Zunächst befand sich Stuff Fashion in einem Einkaufszentrum. „Wir hatten zwar eine 1-A-Lage, mussten aber auch hohe Mieten zahlen“, berichtet Schuster. Weil sich die Umsätze in Grenzen hielten, zog er mit seinem Geschäft in die Nachbarschaft um. Aus finanzieller Sicht wurden die Perspektiven jedoch kaum rosiger. Mittlerweile sagt er: „Ich kenne heute keinen lokalen Händler in der Stadt, dem es wirklich gut geht.“

Zahlen des Handelsverbands untermauern den Trend zum Kaufen im Internet. Im vergangenen Jahr ist der Onlinehandel in Deutschland um 12 Prozent auf 41,7 Milliarden Euro angewachsen, für 2016 rechnet der Verband erneut mit einem Wachstum von elf Prozent auf 46,3 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Der gesamte Einzelhandel konnte 2015 nur ein Umsatzwachstum von 3,1 Prozent vorweisen, für 2016 wird mit einem Plus von zwei Prozent auf 472 Milliarden Euro gerechnet.

Bereits vor vier Jahren hat sich Olaf Schuster deshalb aufgemacht, mit seinem Shop das Internet zu erobern. „Das war und ist alles andere als einfach“, erzählt er. „Man braucht sehr viel Manpower und Fachwissen, denn allein mit der Programmierung einer Website ist es nicht getan.“

Schuster beschäftigt seit längerer Zeit eine Agentur, die sich um technische Fragen kümmert. Außerdem hat er eine weitere IT-Dienstleistungsfirma damit beauftragt, für die Erweiterung des Bekanntheitsgrades seines Shops zu sorgen. „Wer einen Handel im Internet betreibt, muss von potenziellen Kunden auch über Suchmaschinen gefunden werden“, erklärt er. Klar ist dabei auch: Der ganze Aufwand geht richtig ins Geld. Eine genaue Zahl will Schuster nicht nennen, aber im Jahr verursache das Onlinegeschäft Unterhaltungskosten in fünfstelliger Höhe.

Amazon und Co. dominieren den Markt

Nicht zuletzt hat er für das Betreiben des Onlineshops auch seine Lieferketten umgebaut. Bevor die Ware ins stationäre Geschäft kommt, wird sie von den Mitarbeitern fotografiert und katalogisiert. „Jede Hose und jeder Pullover kann dadurch entweder direkt im Geschäft oder über das Internet geordert werden.“

Obwohl der eigene Online-Shop schon ein paar Jahre am Netz ist, verkauft Schuster seine Ware außerdem über große Handelsplattformen wie Amazon. „An den Plattformen kommt man nicht vorbei, sie beherrschen den Markt“, erklärt Schuster.

Einfach sei das Verkaufen aber auch dort nicht. „Mittlerweile muss man sehr strenge Auflagen erfüllen, um dort verkaufen zu dürfen“, erzählt er. „Wenn mehr als 2,5 Prozent der Bestellungen nicht bedient werden können, weil die nachgefragten Waren bereits im Laden verkauft wurden, sperrt Amazon zur Strafe den Account.“ Ein Mal sei ihm das passiert, er habe einige Wochen auf Umsätze verzichten müssen und habe den Account erst nach „Bettelbriefen“ wieder freigeschaltet bekommen. Aufgrund dieser Erfahrung wird der Warenbestand inzwischen alle 15 Minuten im System aktualisiert.

In Zukunft will Schuster das Onlinegeschäft mit dem Laden noch stärker verknüpfen. Er plant, ein Computer-Terminal aufzustellen, damit Kunden im Laden sich dort schnell einen Überblick über das gesamte Sortiment verschaffen können. Gleichzeitig will er bei Online-Kunden weiter für einen Besuch im Laden werben – weil sie schließlich dort die Möglichkeit hätten, Hosen und Pullover zunächst anzuprobieren und beraten zu werden. Schuster folgt mit seiner Verkaufsstrategie dem Zeitgeist, auch Experten raten Einzelhändlern, sowohl stationär als auch online präsent zu sein. Schuster betont allerdings: Für ihn rechne sich das derzeit nur, weil er teurere, exklusivere Produkte verkaufe, an denen auch noch was zu verdienen sei.