Groß Garz l Mehr als ein Kilo Rouladen. Dazu mehr als zwei Kilo Braten, ebenso viel Gulasch. Außerdem Roastbeef, Hack, Beinscheiben, Suppenfleisch und Knochen. Und bis zu 300 Gramm Filet. Das alles bekommt der Kunde im Paket, wenn er sich auf der Webseite „Mein Biorind“ mit sieben weiteren Nutzern ein Schlachtrind kauft. Möglich macht das Kevin Schulze. Seit sechs Jahren betreibt er die Webseite – und hält sich mit seinem Geschäftsmodell an das Prinzip, womit schon viele andere Firmen online Geld verdienen.

Kunden vor allem aus deutschen Großstädten

Das Prinzip der klassischen Plattform-Ökonomie: Schulze bringt im Internet wie auf einem Marktplatz Kunden und Anbieter zu einem Thema zusammen und vereinfacht den Verkaufsprozess. Seine Anbieter: Sechs Viehzüchter aus Sachsen-Anhalt und Niedersachsen, die Biorinder halten und bereit sind, mehr Informationen über ihre Zuchttiere preiszugeben. Seine Kunden: Fleichliebhaber, überwiegend aus Großstädten, die wissen wollen, was sie essen. Weil sich die wenigsten ein ganzes Rind kaufen wollen, gibt Schulze den Kunden mit der Webseite die Möglichkeit, zusammen ein Rind zu kaufen. Dafür müssen sich die Käufer nicht absprechen. Das regelt die Plattform. Schulze nennt es Rinder-Sharing. Neu ist es nicht, wie Wolfgang Zahn von der Agrarmarketinggesellschaft Sachsen-Anhalt meint. „Schon früher schlossen sich Familien in Dörfern zusammen und schlachteten ein Schwein.“ Eine lange Tradition, betont Zahn.

So etwa in Rottmersleben in der Börde. 2005 eröffneten sie dort mit EU-Fördermitteln ein Schlachthaus, damit Vereine und Familien aus dem Dorf gemeinschaftlich schlachten können. Wie Ortsbürgermeister Hans-Eike Weitz berichtet, sei teilweise für bis zu 40 Personen geschlachtet worden.

Schlachten mit EU-Zertifizierung

Bis es im vergangenen Jahr eine Anzeige beim Veterinäramt des Landkreises gab. Dabei kam heraus, dass das Hausschlachten gegen eine EU-Hygieneverordnung verstößt, wenn Schlachterzeugnisse weitergegeben werden. Seitdem dürfen nur noch Familien und Einzelpersonen dort schlachten. Für die Vereine im Ort sei das nicht mehr möglich, erläutert Weitz. Schulze sieht für seine Plattform kein Problem. Schließlich schlachte er gewerblich mit EU-Zertifizierung, betont er. Etwa 90 Tiere habe er seit 2013 über seine Internetplattform vermarktet, 2019 bereits 16 Rinder verkauft.

Neben der Teiloption bietet Schulze außerdem an, die Aufzucht eines Rindes mit monatlichen Raten zu bezahlen. Für 111 Euro wird nicht nur das Rind beim Bauern versorgt, der Kunde bekommt auch monatlich Fotos vom Tier: Ein Fotoalbum. Schulze nennt es „Cowbook“.

Fotobuch zeigt Tiere

Im Internet ist Vertrauen eine wichtige Währung. Deswegen dokumentiert Schulze auch genau, wo die Tiere weiden, wie sie aussehen, welcher Hof sich um sie kümmert. Sogar den Rinderpass, so etwas wie die Geburtsurkunde des Rindes, stellt er online. Und bald dokumentiert er womöglich den Tod der Tiere mit Kameras. „Wir essen es ja auch“, sagt der 37-Jährige. Sicher ist er sich trotzdem nicht, ob er in seiner geplanten eigenen Schlachterei neben der Kamera für den Zerlegetisch auch eine weitere für die Aufnahme des tödlichen Bolzenschusses aufstellen will. Schulze selbst ist kein Landwirt. Nach seinem Studium in Berlin kehrte er in die Region zurück, in der er aufwuchs. Dass er dort nun sein eigenes Schlachthaus bauen kann, ermöglichten Fördermittel. Der Landkreis Stendal wählte seine Firma für das Bundesförderprogramm „Land(auf)Schwung“ aus. Mit dem Geld wird die „Digitalisierung der Altmark“ gefördert. Gut ein Drittel der Schlachthaus-Investition von rund 200.000 Euro erhält Schulze aus dem Fördertopf.