Retter in letzter Minute

Ende Juni, nur wenige Tage vor dem Ablauf der Gläubiger-Frist, präsentiert Insolvenzverwalter Lucas Flöther einen neuen Interessenten: Der Eigentümer des früheren „Trabi“-Herstellers Sachsenring, Stefan Zubcic, will bei Mifa einsteigen.

Drei Wochen später unterschreibt der Unternehmer aus Coburg den Kaufvertrag. Die 130 Mitarbeiter sollen ihre Jobs behalten, kündigt er an. Ansonsten plant Zubcic einen radikalen Schnitt: Mifa bekommt einen neuen Namen. Die traditionsreiche Fahrradschmiede in Sangerhausen wird künftig Sachsenring Bike Manufaktur heißen.

Noch im Dezember 2014 hatte der Retter einen anderen Namen. Nach der ersten Insolvenz des Fahrradbauers steigt der Haldensleber Unternehmer Heinrich von Nathusius bei Mifa ein.

Ein Jahr später kündigt von Nathusius den Bau eines neuen Werks am Stadtrand von Sangerhausen an. Der Betrieb sammelt Großaufträge namhafter Marken wie Peugeot ein und soll nach den Plänen des Eigentümers Europas kostengünstigstes Fahrradwerk werden. Das Land sagt eine Förderung von 2,85 Millionen Euro zu.

Doch im Januar 2017 taumelt Mifa erneut. Operativ schreibt das Unternehmen Verluste, jetzt drehen Banken und Gesellschafter den Geldhahn zu. Wenig später scheitert eine Insolvenz in Eigenverwaltung. Ende Mai zieht sich die am Kauf interessierte Familie Puello zurück. Dann setzen die Gläubiger eine Frist: Findet Mifa bis Ende Juni keinen Investor, wird das Unternehmen zerschlagen.

Sangerhausen/Magdeburg l Der Fahrradbauer Sachsenring Bike plant im kommenden Jahr zwischen 120.000 und 140.000 Fahrräder herzustellen. Das sagte der Besitzer des Unternehmens, Stefan Zubcic, im Gespräch mit der Volksstimme. Mehrere zehntausend Räder seien bereits von verschiedenen namhaften Discountern bestellt worden, erklärte der Unternehmer. Die Aufträge seien ein deutliches Signal, dass die eingeschlagene Strategie funktioniere. „Unser Plan ist unter anderem, die Discounter als Grundauslastung zu nutzen", erklärte Zubcic.

Zubcic stapelt tief

Der Unternehmer aus Coburg hatte im August den insolventen Fahrradbauer Mifa in Sangerhausen übernommen und danach in Sachsenring Bike Manufaktur umbenannt. Die Belegschaft war da schon geschrumpft. Von zuvor mehr als 500 Beschäftigten waren noch 130 übrig. Der neue Besitzer predigte den radikalen Neuanfang, verordnete Kurzarbeit und zog zurück in das alte Werk im Stadtzentrum von Sangerhausen. Ab Januar soll die Produktion dort wieder hochgefahren werden: Wenn die Kurzarbeit beendet ist, werden jede Woche bis zu 3000 Fahrräder das Werk verlassen.

Zubcic stapelt tief, wenn er auf die letzten drei Monate in der früheren Mifa-Fabrik angesprochen wird, will nicht zu hohe Erwartungen wecken. Der Umzug habe Kosten gespart. Eine Produktion in dem neu gebauten Werk an der Autobahn, das der frühere Eigentümer Heinrich von Nathusius errichten ließ, erschien ihm zu überdimensioniert. So viele Maschinen wie früher werden längst nicht mehr gebraucht. In den Blütezeiten hatte Mifa rund 700 000 Fahrräder pro Jahr gefertigt.

Bilder

An den Linien trimmt Zubcic seine Mitarbeiter jetzt zu weniger Fehlern. Auch das soll Kosten sparen. Gleichzeitig hat der Sachsenring-Chef in neues Personal investiert. Vor allem die Bereiche Marketing, Vertrieb und Entwicklung waren nach zwei Insolvenzen innerhalb kurzer Zeit ausgeblutet. Erster Erfolg: Vom Fürther Fahrrad-Importeur Cosmic Bikes konnte Zubcic den Vertriebs-Spezialisten Thomas Müller loseisen.

Qualität steht im Vordergrund

Müller soll jetzt auch wieder den Fachhandel für die Fahrradschmiede aus dem Süden Sachsen-Anhalts begeistern. Vor allem im Premium-Bereich hatten die Mifa-Räder zuletzt Renommee eingebüßt. Marken wie Grace und Steppenwolf will Zubcic neu positionieren. Seine Mitarbeiter sollen deswegen am Design der Räder feilen, aber auch den Einkauf einiger Komponenten überdenken. Dabei steht für Zubcic Qualität im Vordergrund. Schließlich sollen die Markenräder im höherpreisigen Segment für bis zu 5000 Euro verkauft werden. „Es geht mir darum, ein werthaltiges Paket und ein interessantes Preis-Leistungs-Verhältnis für den Kunden zusammenzustellen", sagte Zubcic.

Den Absatz ankurbeln soll auch ein neues Direktvermarktungs-Konzept, das in den kommenden Wochen gemeinsam mit Fachleuten entwickelt wird. Nicht genutzte Produktions-Kapazitäten will Zubcic zudem anderen Fahrradherstellern anbieten. Sachsenring Bike als Lohnfertiger? Das könnte vor allem im E-Bike-Segment bald Realität werden. „Uns liegen sehr interessante Anfragen in diesem Bereich vor", so Zubcic. Weitere Details nannte er nicht.

Die entscheidende Phase wird dabei für Sachsenring Bike wohl erst nach dem Start in die neue Fahrradsaison beginnen. Im ersten Halbjahr sei die Auslastung im Werk gut, danach hingegen gebe es noch Lücken, so Zubcic. Dann hofft er auf kurzfristige Anfragen, um die Manufaktur voll auszulasten. „Wir haben freie und schnell verfügbare Produktions-Kapazitäten. Es wird spannend sein, wie der Markt darauf reagiert", erklärte Zubcic.

Sachsenring in Zwickau wird abgewickelt

Mehrere Tage in der Woche ist Stefan Zubcic derzeit in Sangerhausen. Dabei ist die Bike-Manufaktur nicht der einzige Sanierungsfall des in Coburg (Bayern) lebenden Unternehmers. Im März hatte er den Flachglasveredler Saxo Isotherm aus dem Erzgebirge sowie dessen Zulieferer GKT übernommen. Beide Unternehmen hatten zuvor Insolvenz anmelden müssen. 2016 gab Zubcic bereits dem bayerischen Kunststoffspezialisten Nündel eine zweite Chance, 2014 der Karosseriemodule-Sparte des früheren Trabi-Herstellers Sachsenring in Zwickau. Das Handelsblatt bezeichnete Zubcic wegen dieser Vita bereits als „Restpostensammler".

Jetzt ist klar, zumindest für die frühere Trabi-Schmiede ging die Rettungsaktion nicht gut aus. „Das Unternehmen wird abgewickelt und der Geschäftsbetrieb eingestellt", sagte Zubcic der Volksstimme. Sachsenring als Ersatzteile-Lieferant für die alten Modelle der großen Autobauer sei schlicht nicht mehr gefragt gewesen, so Zubcic. Ein kleiner Trost: Der Marke Sachsenring dürfte im nächsten Jahr zumindest der Sprung auf den Zweirad-Markt gelingen. Im alten Mifa-Werk plant Zubcic ein neues Modell mit dem Namen des Trabi-Bauers, natürlich im Retro-Look.