Magdeburg/Haldensleben l  Und doch sind sie froh darüber. Denn obwohl Umsätze nötig sind, will niemand drangvolle Enge in den Geschäften. Beobachtungen in Magdeburg und Umgebung.

Security-Mitarbeiter Enrico Schweitzer sagt den Satz immer wieder. Und mit Engelsgeduld: „Auch für Sie gilt bitte, mit den Pfeilen zu laufen und nicht gegen die Richtung.“ Eine Kundin, wohl Mitte Siebzig, blickt den hageren Mann vorwurfsvoll an, schüttelt den Kopf und geht trotzig weiter. Gegen die Richtung der großen, roten Pfeile auf dem Steinboden des Allee Centers in Magdeburg. Und gegen die Regel. Denn hier gilt seit Montag die Vorgabe, nur rechtsherum durch das Center zu laufen. „Ich habe schon Fransen am Mund, so oft erkläre ich das den Kunden“, sagt der Sicherheitsmann achselzuckend, „wer sich an diese einfache Regel nicht halten will, weiß wohl noch nicht, wie Corona übertragen wird.“

Klammern als Zählhilfe

Bei Street Shoes im Untergeschoss steht eine Glaschale mit giftgrünen und lindblauen Wäscherklammern am Eingang des Geschäfts. „Jeder Kunde muss sich beim Betreten eine solche Klammer nehmen. Es sind genau zehn Stück, mehr Leute dürfen nämlich nicht gleichzeitig im Laden sein“, erzählt Annett Basel, die stellvertretende Filialleiterin des Schuhgeschäftes. Ruhig sei es, sagt die Geschäftsfrau. Und dass die Kunden vorsichtig seien: „Einige sind nicht ins Geschäft gekommen, weil sie die Wäscheklammern nicht anfassen wollten. Obwohl wir die alle immer desinfizieren.“

Bei Marry Anne in der Trauring-Lounge im Obergeschoss des Einkaufs-Centers stapeln sich mehr als drei Dutzend Umschläge auf dem Tisch von Julia Lutterkort. „Die Kunden wollen jetzt schnell ihre Ringe bei uns abholen“, erzählt sie. In der fünfwöchigen Zwangspause bot die Geschäftsfrau einen Extraservice an. „Es gab viele Paare, die Ende März geheiratet haben. Denen habe ich ihre Trauringe nach Hause geschickt“, sagt Julia Lutterkort. Den Hauptumsatz am Montag macht sie jedoch mit dem Wechsel von Uhrenbatterien.

Mundschutz für Kunden

Bei Intersport in Magdeburg steht ein Wäschekorb auf der Ladentheke. Jeder Kunde muss einen Mundschutz herausnehmen und diesen auch anziehen. Unifarben weiß, kariert, mit Gummizug oder angenähten Bändern: Inhaberin Sabine Grosse und ihr Team haben am Wochenende fleißig genäht. „Der Betrieb im Geschäft ist überraschend gut. Es werden sehr viele Laufschuhe gekauft, die Leute haben viel Zeit und wollen sich wohl bewegen“, erzählt die 62-Jährige.

Der Handel blüht langsam wieder auf. „Ich bin ganz zufrieden“, sagt Unternehmerin Tatjana Neuzerling, die je ein Plaza-Moda-Geschäft für Damen- und Herrenbekleidung in Haldensleben und Wolmirstedt betreibt. Endlich geht es weiter, sagt sie. Denn die verspätete März-Ware kommt jetzt mit den Kollektionen für April. Und die Bestellungen für Mai sind auch schon auf dem Weg. „Das Schlimmste ist, dass ich das wohl alles auf einen Schlag werde bezahlen müssen“, sagt Tatjana Neuzerling. Der Handelsverband Sachsen-Anhalt wertet die Lockerung der Regeln als Perspektive für den Handel. „Denn der Kostendruck für alle steigt. Der erste Tag hat mich positiv überrascht“, sagt Präsidentin Kati Sommer. Sorgen macht dem Verband jedoch weiterhin die Beschränkung der Ladengröße.