Halle l Im Laufe der Zeit können sich Interessen grundlegend ändern. Nadine Wettstein weiß das nur zu gut. An der Universität in Halle schreibt die 38-Jährige derzeit an den letzten Kapiteln ihrer Doktorarbeit, sie hat in den vergangenen Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich der Agrar- und Ernährungswissenschaften geforscht. Doch beruflich wird sie sich damit künftig nicht beschäftigen. „Mein Herz schlägt für das Thema Inklusion“, erzählt Wettstein und lächelt.

Bei Inklusion geht es um die Teilhabe der Menschen mit Behinderungen am gesellschaftlichen Leben, den Abbau von Barrieren, damit sie ihren Alltag selbstbestimmt gestalten können. Bereits im August vergangenen Jahres hat sich Nadine Wettstein selbstständig gemacht, um als Beraterin und freie Dozentin in diesem Bereich tätig zu sein, vorher hat sie sich schon ehrenamtlich dafür engagiert. „Inklusion mag für viele ein Modebegriff sein, tatsächlich geht es hier aber um ein Menschenrecht.“

Wettstein weiß genau, wovon sie redet, sie selbst ist blind. Allerdings nicht von Anfang an. Mit 14 Jahren wurde sie zunächst sehbehindert, mit 18 erblindete sie vollständig. Das hat sie allerdings nicht davon abgehalten, zu studieren, zu promovieren und sich schlussendlich selbständig zu machen. Ihr Schwerpunktthema bei der Arbeit ist der Abbau von Berührungsängsten, sie gibt hierzu Seminare und organisiert Veranstaltungen. „Dabei erzähle ich viele Beispiele aus dem Alltag – sowohl von mir selbst als auch von anderen Menschen mit Behinderungen“, erklärt Wettstein. „Oft geht es dabei um Fragen, wie man etwa einen Blinden richtig eine Treppe hinunter führt.“ Berührungsängste, sagt Wettstein, seien noch immer weit verbreitet. „Da ich selbst ja sehen konnte, kenne ich diese Ängste“, betont sie. „Oft entstehen die Ängste, wenn das Wissen um die richtige Ansprache und Hilfestellung fehlt.“ Das habe auch ein Stück weit mit Schulbildung zu tun. „Früher sind Menschen mit Behinderungen auf Förderschulen gegangen, so fehlte den Altersgenossen der Kontakt zu ihnen.“ Da Schulen seit 2009 Menschen mit Handicap die Teilnahme am Unterricht ermöglichen sollen, ändere sich das – wenn auch langsam.

Als Beraterin arbeitet Wettstein mit verschiedenen Zielgruppen zusammen. „Ich arbeite viel mit Freiwilligendienstlern, aber auch Reha-Berater der Bundesagentur für Arbeit gehören zur Kundschaft.“ Gerne würde Wettstein verstärkt mit Unternehmen zusammenarbeiten, bislang wurde sie aber nur vereinzelt zu Vorträgen eingeladen. Sie hat aber auch Verständnis dafür, dass sich vor allem die kleinen und mittleren Firmen im Land schwertun, sich mit Inklusion zu beschäftigen.

Potenzial ausnutzen

„Oft reicht die Personaldecke nur dafür aus, das Kerngeschäft abzudecken.“ Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels sollte die Wirtschaft aber das Potenzial, das Menschen mit Behinderungen haben, nicht unterschätzen, findet Wettstein. „Ich bin ja auch nicht auf den Kopf gefallen.“

Nichtsdestotrotz ist sie mit ihrer selbständigen Tätigkeit sehr zufrieden. „Für mich ist die Freiheit, die mir die Selbständigkeit bringt, absoluter Luxus. Das wiegt für mich deutlich schwerer als das finanzielle, unternehmerische Risiko“, sagt sie. „Ich habe auch das Glück, dass es momentan mit den Aufträgen läuft, Panik-Wochen werden immer seltener.“

Im Alltag kann sie ihre Arbeit problemlos mit technischen Hilfen erledigen. So hat sie beispielsweise einen Drucker, der Texte in Blindenschrift drucken kann. Sie kann sich Informationen auch automatisch vorlesen lassen.

Auf die Frage, wie die Blindheit ihr Leben verändert hat, denkt sie etwas länger nach. „Ich weiß ja nicht, wie es gelaufen wäre, wenn ich nicht erblindet wäre“, sagt sie zu- nächst. „Aber ich könnte mir vorstellen, dass ich mein Leben jetzt intensiver lebe. Davon erzählen auch andere, die mit einer Behinderung leben.“

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