Berlin/Magdeburg (dpa) l Beim Berliner Hauptbahnhof, da sind sich die Einheimischen sicher, haben die Planer die Radfahrer schlicht vergessen. Wer dort mit dem Fahrrad zum Zug fährt, muss sich den Stellplatz für sein Gefährt meist nach eigenem Gutdünken an Masten und Pollern suchen – die wenigen Abstellbügel sind stets proppevoll. Am Bahnhof von Oranienburg hingegen steht ein nagelneues Fahrradparkhaus samt Schließfächern, in denen man sogar den Akku des E-Bikes laden kann. Die Situation in den anderen Kommunen Deutschlands liegt irgendwo zwischen diesen beiden Polen – doch meist auf der unbefriedigenden Hälfte, wie Experten unisono urteilen.

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) etwa sprach vor einem Jahr nach einem bundesweiten Test von Bike+Ride-Anlagen von einer „Horrorstory“. Seither gab es zwar einige Bewegung bei dem Thema, „doch unter dem Strich ist es eher desaströs, was die Abstellsituation an den Bahnhöfen angeht“, sagt ADFC-Sprecher René Filippek.

In München etwa stehen die Räder dicht gedrängt und ineinander verhakt in Ständern, in denen nur das Vorderrad Platz findet. Den Rahmen anschließen? Fehlanzeige. Aber da es eh viel zu wenige Ständer gibt, macht das auch keinen großen Unterschied.

Fahrräder an Metallrohre schließen

In Magdeburg ist es ähnlich. Im Umfeld des Hauptbahnhofes sind an Werktagen 350 bis 670 Fahrräder abgestellt. Das ergab im vergangenen Jahr eine Zählung, die Teil einer Machbarkeitsstudie für ein Fahrradparkhaus ist. Zurzeit dienen nur Metallrohre zum Abschließen der Räder. Diese sind aber meist restlos besetzt. Bereits 2015 beschloss der Magdeburger Stadtrat, dass es ein Konzept zur Errichtung und zum Betrieb des Parkhauses geben soll, doch laut Norman Dreimann von ADFC Magdeburg werden bis zur Realisierung des Projektes noch Jahre ins Land gehen. Die Kosten für so ein Parkhaus liegen zwischen 1,6 und 1,7 Millionen Euro. Im Rahmen der Studie wurde allerdings auch festgestellt, dass etwa 60 Prozent der heutigen Nutzer für einen sicheren Stellplatz durchaus 70 Cent pro Tag, sieben Euro im Monat und 70 Euro im Jahr akzeptieren würden. Dreimann: „Ein Fahrradparkplatz am Bahnhof ist nötig, weil er der Knotenpunkt für Mobilität ist.“

Man könnte einwenden: Der ADFC ist ein Lobbyverein, natürlich meckert der rum. Doch auch unverdächtige Experten stimmen dem zu. So sieht der Deutsche Städte- und Gemeindebund deutschlandweit einen erheblichen Mangel. „Gerade im Umland der größeren Städte, wo viele Pendlerinnen und Pendler das Fahrrad zur Bahn benutzen, ist die Nachfrage enorm“, erläutert ein Sprecher. Der Ausbau der Stellplätze sei bei der Bahnreform nicht berücksichtigt worden. „Für die notwendige Verkehrswende brauchen wir jedoch nachhaltige Mobilitätsketten.“

Entstehen neuer Fahrradstellplätze

Perspektivisch schätzt der Städte- und Gemeindebund den Bedarf auf mehr als eine Million zusätzlicher Stellplätze. Da ist die Initiative bike+ride nur ein Tropfen auf den heißen Stein – der aber immerhin eine kleine Abkühlung bringen soll. Bis zu 100.000 neue Fahrradstellplätze sollen dadurch bis Ende 2022 entstehen; dann wären es deutschlandweit rund eine halbe Million. Das Bundesumweltministerium übernimmt dabei 40 Prozent der Kosten. Grundsätzlich sollen alle förderfähigen Anträge bewilligt werden. Im ersten „Antragsfenster“ Anfang des Jahres wurden zehn Anträge aus Bayern, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Hessen für 2700 neue Radabstellplätze eingereicht, wie das Ministerium der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. Zudem gingen bei der Bahn 250 Anfragen für Vor-Ort-Besichtigungen ein. Für die zweite, derzeit laufende Bewerbungsphase rechnet das Ministerium deshalb mit einer größeren Nachfrage.

Die Kooperation zwischen den Kommunen und der Bahn ist kompliziert. Selbst der Verkehrsminister eines großen Bundeslandes klagte vor kurzem, er bekomme bei der Bahn keinen entscheidungsfähigen Gesprächspartner ans Telefon. Das soll im Rahmen der Initiative besser werden: Die Deutsche Bahn soll helfen, geeignete Standorte zu finden sowie die Abstellanlagen zu planen und zu montieren. Wenn sich die identifizierten Flächen nicht im Eigentum der Kommunen, sondern der Bahn befinden, soll die unentgeltliche Nutzung über Muster-Gestattungsverträge geregelt werden. Was dann auf den Flächen passiert, hängt vor allem von der Finanzlage und den Prioritäten der jeweiligen Kommune ab. Als Vorbild werden die Niederlande genannt, wo es eine gute Bedarfsermittlung und ein einfaches Prozedere von der Planung über die Finanzierung bis hin zum Betrieb von Fahrradabstellanlagen gibt.

Resultat: Große über- und unterirdische Parkhäuser für bis zu 12.000 Fahrräder, in denen freie Plätze mit einem Wegeleitsystem angezeigt oder die Räder gar automatisiert geparkt werden. Hinzu kommen Toiletten, Servicestationen mit Reparaturwerkstätten, Schließfächer – und sehr oft ein direkter Zugang zu den Bahnsteigen, was die Zeit zum Umsteigen minimiert. „Ein Traum!“, urteilt die Fahrradexpertin des Verkehrsbündnisses Allianz pro Schiene, Nicol Mierz.