Düsseldorf (dpa) l Der harte Wettbewerb im deutschen Einzelhandel wird immer öfter auf den Rücken der Beschäftigten ausgetragen. Zehntausende Mitarbeiter der Warenhauskette Kaufhof und der Supermarktkette Real sehen sich zurzeit mit Forderungen des Managements konfrontiert, den kriselnden Unternehmen mit Lohnzugständnissen unter die Arme zu greifen. Und die Situation spitzt sich zu.

Personalkosten nicht wettbewerbsfähig

Beispiel Real: Der Chef des Real-Mutterkonzerns Metro, Olaf Koch, klagt seit Jahren darüber, dass die Personalkosten bei der kriselnden Supermarktkette nicht wettbewerbsfähig seien. Sie lägen um bis zu 30 Prozent über denen der nicht tarifgebundenen Konkurrenten. Bereits 2016 machten die Mitarbeiter befristete Zugeständnisse bei Weihnachts- und Urlaubsgeld und verzichteten vorläufig auf Gehaltssteigerungen. Gleichzeitig nahmen die Gewerkschaft Verdi und Real Verhandlungen über einen neuen zukunftsfähigen Tarifvertrag auf.

Was vielversprechend begann, endete mit einem Eklat. Nachdem die Verhandlungen zuletzt festgefahren waren, zog Metro-Chef Koch am Dienstagabend einen Schlussstrich. Die Verhandlungen mit Verdi über die künftige Bezahlung der 34.000 Real-Beschäftigen seien ergebnislos geblieben, teilte der Manager mit. Aufgrund der "offenkundigen Blockadesituation" habe sich die Metro entschlossen, Rahmenbedingungen für eine neue tarifpolitsche Lösung zu schaffen. Eigentlich für den 28. März 2018 geplante Tarifgespräche wurden abgesagt.

Der Konzern will künftig nicht mehr unter dem Dach des Branchenverbandes HDE über neue Tarifverträge verhandeln, sondern setzt auf den wesentlich kleineren Arbeitgeberverband AHD. Das ist weit mehr als eine Formalie: Denn Real kann dadurch nicht mehr nur mit Verdi, sondern auch mit anderen Gewerkschaften über neue Tarifverträge verhandeln – etwa mit der kleinen Gewerkschaft DHV. Das gibt dem Konzern mehr Macht, auch wenn Koch betont: "Wir verhandeln ergebnisoffen und schließen keine Türen."

Verdi: Real flüchtet aus Tarifvertrag

Verdi wurde von dem Schritt offenbar überrascht und reagierte empört. Die Real-Unternehmensleitung plane die Flucht aus dem geltenden Tarifvertrag, schimpfte am Mittwoch Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. Das Unternehmen wolle sich auf Kosten der Beschäftigten einen Vorteil im Verdrängungswettbewerb der Branche verschaffen. Bei den von Real angestrebten Lohneinbußen drohe vielen Verkäuferinnen am Ende Altersarmut, warnte die Gewerkschafterin.

Verdi steht unter Druck. Denn Real ist kein Einzelfall. Die durch den Siegeszug des Onlinehandels und den harten Wettbewerb ausgelösten Umbrüche führen dazu, dass immer mehr Traditionsunternehmen versuchen, bei den Personalkosten zu sparen.

So drängt auch die Warenhauskette Kaufhof angesichts sinkender Umsätze und roter Zahlen auf Einschnitte bei Löhnen und Gehältern der gut 21.000 Beschäftigten. Bereits am 13. April wird die Verdi-Tarifkommission beraten, ob die Gewerkschaft auch mit Kaufhof über einen Sanierungstarifvertrag verhandelt, der den Beschäftigten Opfer abverlangen wird.

Konkurrent Karstadt hatte sich schon vor Jahren aus dem Flächentarifvertrag verabschiedet. Inzwischen hat der Konzern aber mit Verdi die vollständige Rückkehr in die Tarifbindung spätestens im Jahr 2021 vereinbart.

Bei vielen Gewinnern des Wandels – vom Internetgiganten Amazon bis zum Textildiscounter TK Maxx – gibt es überhaupt keine Tarifverträge.

Für den Handelsexperten Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein sind die Versuche etlicher Einzelhändler, die Löhne zu drücken, allerdings kurzsichtig. "Der Fachkräftemangel wird über kurz oder lang auch den Handel treffen. Die Händler sollten lieber darüber nachdenken, wie sie die Arbeitsplätze und die Bezahlung attraktiver machen, statt bei den Personalkosten zu knapsen", meint er.