Washington/New York (dpa) l Der Immobilienmogul Donald Trump hat sich im Wahlkampf 2016 als großer "Dealmaker" inszeniert, der die USA zu einem historischen Wirtschaftsboom führen werde. Die Realität während seiner Amtszeit als Präsident konnte da aber nicht ganz mithalten.

Die US-Wirtschaft setzte ihren Aufschwung fort: die Börse erreichte Rekorde, die Arbeitslosigkeit sank auf das niedrigste Niveau seit Jahrzehnten. Doch die Staatsschulden stiegen rasant an und Trumps Handelskrieg erschütterte die Weltwirtschaft. Letztlich machte ihm die Corona-Pandemie seine gute Wirtschaftsbilanz zunichte.

Die US-Wahl im Liveticker

Das Virus ließ sich von Trump nicht über Twitter einschüchtern: Im zweiten Quartal brach die Wirtschaft auf das Jahr hochgerechnet um 31,4 Prozent ein. Das entsprach nach der in Europa üblichen Betrachtungsweise einem Minus von 9 Prozent, dem schärfsten Einbruch seit Beginn der Aufzeichnungen.

Im dritten Quartal wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Vergleich zum vorigen Vierteljahr um 7,4 Prozent, wie die Regierung am vergangenen Donnerstag (29. Oktober) mitteilte. Die Wirtschaftsleistung lag in absoluten Zahlen aber weiterhin 3,5 Prozent unter jener des vierten Quartals 2019, also vor der Pandemie.

Das starke Wachstum dürfte Trump vor der Wahl am Dienstag aber sehr gelegen kommen. Hier ein Blick auf seine bisherige Wirtschaftsbilanz:

Wachstum

Trump versprach den Wählern 2016 ein größeres Wirtschaftswachstum als unter seinem Vorgänger Barack Obama. Das BIP solle jährlich um mehr als drei Prozent wachsen, kündigte er an. Erfüllen konnte er dieses Versprechen jedoch nicht: Der unter Obama begonnene Aufschwung nach der globalen Finanzkrise setzte sich auch unter Trump fort – fast im gleichen Tempo.

2017 etwa wuchs die Wirtschaft um 2,3 Prozent. Das höchste Wachstum unter Trump gab es – nicht zuletzt dank massiver Steuersenkungen – mit 2,9 Prozent im Jahr 2018. Im Folgejahr fiel die Zunahme angesichts eines global schwächeren Wachstums und Trumps Handelskonflikten um 0,6 Prozentpunkte geringer aus.

In der Vergangenheit ist die US-Wirtschaft mitunter deutlich schneller gewachsen, als unter Trump: Ende der 90er-Jahre etwa gab es unter Präsident Bill Clinton vier Jahre in Folge ein Wachstum von mehr als 4 Prozent. 1984 wiederum waren es sogar 7 Prozent. Infolge der Pandemie wird für 2020 nun eine schwere Rezession erwartet.

Arbeitsmarkt

Die unter Obama begonnene Verbesserung der Lage am Arbeitsmarkt setzte sich unter Trumps Regierung fort. Vor der Zuspitzung der Pandemie war die Arbeitslosenquote auf 3,5 Prozent gesunken, den niedrigsten Stand seit etwa 50 Jahren.

Die von der Pandemie ausgelöste Stilllegung des öffentlichen Lebens ließ den Arbeitsmarkt aber brutal einbrechen. Die Arbeitslosenquote schnellte im April auf fast 15 Prozent, den höchsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen. Bis September sank die Arbeitslosenquote wieder auf 7,9 Prozent.

Die Statistik erfasst aber nicht alle Menschen, die keinen Job haben und gerne arbeiten würden. Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) geht davon aus, dass die wirkliche Arbeitslosenquote derzeit wohl eher bei 10 oder 11 Prozent liegt. Anfang Oktober bezogen laut amtlichen Daten rund 23 Millionen Menschen eine Form von Arbeitslosenhilfe – im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es nur 1,4 Millionen gewesen.

Handelskrieg mit China

Fast zwei Jahre lang erschütterte der von Trump angezettelte Handelskrieg mit China die Weltwirtschaft. Die USA verhängten Strafzölle auf die Einfuhr chinesischer Waren im Wert von fast 500 Milliarden Dollar. Trump setzte über Twitter immer weitere Drohungen ab, um Druck auf die kommunistische Führung in Peking zu machen. Trump wollte ein umfassendes Handelsabkommen erzwingen, doch China verhängte ebenfalls Strafzölle und ließ sich nicht einschüchtern.

Die beiden größten Volkswirtschaften einigten sich im Januar schließlich auf eine im Umfang begrenzte "erste Phase" eines größeren Handelsabkommens. Seit diesem Deal herrscht Waffenstillstand, doch das von Trump angestrebte umfassende Abkommen, das China in die Schranken weisen sollte, blieb ein Wunschtraum. Der Handelskrieg und die Restriktionen gegen Hightech-Unternehmen wie den Telekomriesen Huawei haben zudem dazu geführt, dass China stärker als je zuvor auf heimische Nachfrage, Technologien und Innovationen setzt.

Steuern

Trumps Steuerreform sollte die größte "Revolution" seit Ronald Reagans starken Steuersenkungen 1981 werden. Der fiskalpolitische Kraftakt gilt zwar als eine der bedeutendsten Errungenschaften in Trumps Amtszeit, die versprochenen Erfolge für die US-Wirtschaft hielten sich jedoch in Grenzen. Die Senkung der Unternehmensteuern von 35 auf 21 Prozent im Jahr 2017 etwa riss zwar riesige Löcher in den Staatshaushalt, führte aber nicht zum erhofften Investitionsboom. Stattdessen befeuerte die Reform Aktienrückkäufe und Dividenden von US-Konzernen, was vor allem Investoren zugute kam.

Schulden

Trumps Republikaner gelten traditionell als die Partei, die Defizite und Schulden gering halten will. Als Wahlkämpfer versprach Trump 2016, den US-Schuldenberg "innerhalb von acht Jahren" abzutragen. Als Präsident macht er aber trotz florierender Wirtschaft das Gegenteil: immer mehr Schulden. Bei Trumps Amtsantritt lag die öffentliche Verschuldung bei 14,2 Billionen US-Dollar, inzwischen sind es rund 21 Billionen. Die Verschuldung liegt damit bei rund 100 Prozent der Wirtschaftsleistung – der höchste Stand seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Das Haushaltsdefizit betrug 2016 knapp 590 Milliarden Dollar, 2019 waren es bereits 984 Milliarden Dollar. Für die Zunahme machten Experten vor allem Steuersenkungen verantwortlich. Das Defizit für das Haushaltsjahr 2020 betrug bisher wegen der Corona-Konjunkturpakete sogar 3,1 Billionen Dollar.

Börsen

Der Blick auf die US-Börsen bereitet Trump viel Freude, immer wieder erklärt er die Kursentwicklung zum Gradmesser seines persönlichen Erfolges. Tatsächlich ist seine Zeit als Präsident abgesehen vom zwischenzeitlichen Absturz aufgrund der Corona-Krise von einer beeindruckenden Börsenrally begleitet. "Bekomme ich keine Anerkennung hierfür?", lamentierte Trump Mitte Oktober und beschwerte sich über die Medien: Die "Fake News" würden ihm seine Meriten verweigern.

Allerdings sehen Ökonomen weniger Trump als Grund für den Boom. Als entscheidend gelten andere Faktoren wie die niedrigen Zinsen und eine enorme Flut an billigem Geld, die Notenbanken in die Finanzmärkte pumpen. Die boomenden Aktienmärkte hat Trump zudem von Obama geerbt, unter dem die Kurse im Schnitt noch stärker stiegen.

Deregulierung

Ein wesentlicher Teil von Trumps Wirtschaftspolitik bestand aus dem Zurückdrehen, Lockern und Abschaffen angeblich wachstumshemmender Vorschriften. Von lascheren Abgasstandards für die Autobranche über die Verkleinerung von Naturschutzgebieten zugunsten der Fracking-Industrie über die Befreiung des Bankensektors von Zügeln, die nach der Finanzkrise 2008 auferlegt wurden – Trumps Regierung deregulierte, was das Zeug hielt. Der langfristige wirtschaftliche Nutzen ist dabei häufig zweifelhaft. So ging die Aufweichung der künftigen Emissionsstandards für Neuwagen sogar Teilen der Autoindustrie zu weit, die eigentlich davon profitieren sollte.