Magdeburg l Die neueste Re- krutingkampagne der Bundeswehr sorgt für Zündstoff. „Die meinen das scheinbar ernst. Übrigens hat die deutsche Armee 1915 als erste Armee Gas eingesetzt. Wer gibt das frei?“, twitterte Alf Frommer, kreativer Leiter einer Kommunikationsagentur, und postete dazu ein Foto des Werbeplakates. Der Slogan „Gas, Wasser, Schiessen“, so Frommer, wecke „Assoziationen zum Holocaust“.

Für Burghard Grupe, Geschäftsführer der Handwerkskammer Magdeburg, drückt der Slogan eine „geringe Wertschätzung gegenüber dem Handwerk“ aus. Andreas Röber, Landesinnungsmeister des Fachverbandes Sanitär Heizung Klima Sachsen-Anhalt, bezeichnet die Wortwahl sogar als „niveaulos“. Und die Bundeswehr? „Werbung muss auffallen. Assoziationen insbesondere über das Wort „Gas“ auf dem Plakat weisen wir weit von uns. Wir sind erschüttert, dass jemand die Bundeswehr in diesen Kontext stellt“, sagte Sachsen-Anhalts Bundeswehrsprecher Oberstleutnant Thomas Poloczek.

Hälfte der Betriebe geht leer aus

Doch es ist nicht nur die Wortwahl, die die Gemüter erregt. Mehr als 50 Prozent der Betriebe in Sachsen-Anhalt gehen bei der Suche nach Handwerkern derzeit leer aus. Nur rund 864 der 12.352 Betriebe im Kammerbezirk Magdeburg haben keine Probleme, Mitarbeiter zu finden. Dabei sind die Auftragsbücher voll, die Konjunktur brummt. „Viele öffentliche Ausschreibungen erhalten kaum Bewerbungen, Unternehmen beschweren sich über zu lange Wartezeiten“, sagt Grupe.

Das Gewinnen von Nachwuchs- und Fachkräften gleicht einer Mammutaufgabe. Dass nun ausgerechnet die Bundeswehr als öffentlicher Arbeitgeber diesen Betrieben offensiv Konkurrenz macht, empfindet Grupe als „irritierend und unfair“. Jährlich verliert das Land viele gut ausgebildete Nachwuchskräfte vor allem an das industriestarke Nachbarbundesland Niedersachsen, die zunehmende Zahl der Schulabgänger entscheidet sich zudem für ein Studium. Der Fachkräftemangel spitzt sich immer weiter zu. „Wenn wir dann endlich Nachwuchs gefunden und ausgebildet haben, wechseln sie zur Bundeswehr. Das ist ein riesen Problem“, macht Röber deutlich.

Klar ist aber auch: Es gibt keine Fachkräfte-Einbahnstraße. Jährlich verlassen rund 20.000 Personen die Streitkräfte, viele finden einen Job im Handwerk. „Es gibt einen regen Austausch von Fachkräften, beide Seiten profitieren also“ sagte eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums auf Volksstimme-Nachfrage. Viele der ehemaligen Soldaten übernehmen Meisterbetriebe oder sind geeignete Führungskräfte. „Grundsätzlich ist die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr gut, aber das rechtfertigt nicht diese aggressive Form des Abwerbens“, so Grupe.

Aktuell sucht die Bundeswehr allein 1000 Frauen und Männer, die gelernte Elektriker, Mechaniker oder auch Gas-Wasser-Installateure sind.

Hier der Kommentar "Alle Warten noch auf den Witz" zum Thema.