Berlin (dpa/uk) l Vier-Zimmer-Wohnungen mit eigenem Garten, Single-Apartments in hippen Innenstadt-Bezirken oder altersgerechte Wohnungen im Erdgeschoss – jeweils zu Preisen, die unter dem örtlichen Mietspiegel liegen. Baugenossenschaften versprechen ihren Mitgliedern bezahlbaren Wohnraum und Schutz vor Luxussanierungen. „Auch immer mehr jüngere Leute sind auf der Suche nach Genossenschaftswohnungen“, sagt Matthias Zabel vom Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (Gdw). Dabei machen auch ihnen die Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt zu schaffen.

Fünf Millionen Menschen leben deutschlandweit nach Gdw-Angaben in Wohnungen der 2000 Baugenossenschaften. Jedes Jahr werden neue Baugenossenschaften gegründet. Mehr als 70 seien seit 2010 in die Regionalverbände des Gdw eingetreten, sagt Zabel.

Der Verband bayerischer Wohnungsunternehmen spricht in seinem Bundesland sogar von einer regelrechten "Gründungswelle" nicht nur von Genossenschaften, sondern auch von kommunalen, kirchlichen und öffentlichen Wohnungsunternehmen. "Engagierte Bürger und Kommunen möchten das Ruder selbst in die Hand nehmen und Wohnraum schaffen", heißt es dazu von Verbandsdirektor Hans Maier. Zabel vom GdW warnt aber vor einem potenziellen Missverständnis: „Nur durch Neugründungen können wir das Problem auf dem Wohnungsmarkt nicht lösen.“

Auch in der DDR waren Wohnungsgenossenschaften weit verbreitet. Der Volkaufstand vom Juni 1953 soll der Hintergrund gewesen sein, warum Staats- und Parteichef Walter Ulbricht die staatliche Genehmigung auf den Weg brachte. Der dramatische Wohnungsmangel infolge der Kriegszerstörungen sollte über die „Arbeiterwohnungsbaugenossenschaften“, kurz AWG, gelöst werden. So erließ der Ministerrat die „Verordnung über die weitere Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter und der Rechte der Gewerkschaften über die Zulassung der Arbeiterwohnungsbaugenossenschaften als freiwilliger Zusammenschluss von Arbeitern, Angestellten und Angehörigen der Intelligenz zum genossenschaftlichen Bau und Erhalt von Wohnungen“, funktionärstypischer hätte man es kaum formulieren können.

Die AWGs wurden schnell eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte, auch wenn sie fest in der Planwirtschaft eingebunden waren. Viele AWGs existieren bis heute fort, auch wenn die übertragenen DDR-Altschulden lange Zeit ein großes Problem darstellten. Dass nicht selten der Name verändert oder angepasst wurde,

Mit dem Altschuldenhilfegesetz, das am 27. Juni 1993 in Kraft trat, wurden die ostdeutschen Wohnungsunternehmen, darunter auch die Genossenschaften, bis auf 150 DM pro Quadratmeter Wohnfläche von den Altschulden entlastet. Das zeigte eine positive Wirkung: Nach einer Konsolidierung wurden im Jahr 2007 laut dem „Ring der Genossenschaften“ in 792 Wohnungsbaugenossenschaften, die über 1 Million Mitglieder hatten, insgesamt 1.075.000 Wohnungen bewirtschaftet. Nach vielen Sanierungen und Rekonstruktionen sind die ostdeutschen Wohnungsgenossenschaften, angetrieben durch die minimalen Zinssätze für Immobilienprojekte, auch längst wieder in das Neubaugeschäft eingestiegen.

Häufig haben die ostdeutschen Wohnungsgenossenschaft in den Mietermärkten einen geringeren Leerstand als der freie Markt. Bei der MWG-Wohnungsgenossenschaft eG Magdeburg, die 1954 gegründet wurde, betrug dieser Ende 2019 gerade mal 2,9 %.

In Boomregionen, in denen Mietwohnungen knapp wie nie sind, sieht die Lage völlig anders aus. So musste die Berliner Baugenossenschaft (bbg) einen teilweisen Aufnahme-Stopp verhängen. Dort stehen 450 Mitglieder auf der Warteliste für eine Wohnung. Für größere Wohnungen seien inzwischen Wartezeiten von bis zu fünf Jahren keine Seltenheit mehr.