Klietz l  51 Dienstjahre war er für Kranke und Verletzte da, half Kindern auf die Welt, hörte manchmal auch nur zu und gab guten Rat. Zusammen mit seinem Sohn Karsten war Ernst Gilbrich Inhaber der Klietzer Arztpraxis. Nun ist er „nur“ noch Angestellter und springt ein, wenn Not am Mann ist. „Ich bin nach wie vor für die Patienten da. Wenn mal ein Hausbesuch nötig ist, fahre ich los. Und bei Krankheit kann ich auch einspringen.“ So ganz will sich Ernst Gilbrich nicht von seinem Beruf trennen, „er hat mir doch all die Jahrzehnte Freude gemacht, auch heute noch“. Er kennt fast jeden in der Region und jeder kennt ihn. Denn er ist der dienstälteste Arzt im Havelberger Bereich.

Dass er die medizinische Laufbahn einschlug, war eher Zufall: In der 11. Klasse sagte ein Freund im Schwimmverein, er könnte doch auch über die Armee in Greifswald Medizin studieren. Die sportliche, mündliche und schriftliche Eignungsprüfung bestand er mit Bravour, und so absolvierte er inklusive Pflicht­assistenz eine siebenjährige Ausbildung.

Nach kurzen Stationen in Luckenwalde und Burg kam die junge Familie Gilbrich am 22. April 1965 nach Klietz. Dr. Ernst Gilbrich war zwar Militärarzt, aber auch im zivilen Bereich unter anderem im Havelberger Krankenhaus tätig. 1969 hatte er dann seine Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner in der Tasche und er übernahm in Kamern seine erste eigene Praxis. Seine Frau Brunhild stand ihm nach entsprechender Ausbildung hier als Sprechstundenhilfe zur Seite. Doch schon bald ging es zurück nach Klietz. Denn hier wurde ihm die Stelle als Leiter des Landambulatoriums angeboten – am 1. Januar 1973 trat er sie an. Auch Brunhild Gilbrich wechselte nach Klietz, wurde später leitende Schwester.

Schöne Erinnerungen an das Landambulatorium

Das Landambulatorium, wo er zusammen mit Dr. Gisela Kunzmann die Patienten betreute, war wie eine kleine Poliklinik. Diverse Fachärzte hielten Sprechtage ab, aus dem gesamten Südkreis Havelberg kamen die Patienten nach Klietz. Auch die Mütterberatung fand statt. Es gab eine gute Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten in der Region und auch mit den so wichtigen Gemeindeschwestern.

Stundenlang könnte Ernst Gilbrich erzählen von den Sprechstunden, den Notfällen und Unfällen, zu denen mit dem Barkas gefahren wurde, oder von den sieben Entbindungen, die zu Hause stattfinden mussten, weil die Zeit für die Fahrt ins Krankenhaus nicht mehr reichte.

2010 Umzug an den See

Mit der Wende änderte sich auch die medizinische Versorgung. Dr. Ernst Gilbrich und Dr. Gisela Kunzmann machten sich im Landambulatorium selbstständig, er eröffnete seine Praxis am 1. Januar 1991. Lange blieb er hier nicht allein. Sohn Karsten trat in Vaters Fußstapfen (Sohn Matthias ist in der Pharmazie tätig) und stieg zum 1. April 1993 mit in die Praxis ein. Er ist auf Chiropraktik spezialisiert. Während die medizinische Behandlung immer moderner wurde und in der Praxis beispielsweise auch Magenspiegelungen vorgenommen wurden, verschlechterte sich der bauliche Zustand des ehemaligen Landambulatoriums zusehends. Da kam das Angebot, in ein neu zu errichtendes Ärztehaus am „Seeblick“ umzuziehen, gelegen. Am 1. Juli 2010 war es soweit. Seitdem praktizieren Vater und Sohn auch hier gemeinsam Hand in Hand. Schon einige Ärzte machten hier ihre Facharztausbildung wie zuletzt Alexandra Schäfer. Und auch in Zukunft werden junge Ärzte hier auf ihre Tätigkeit als Allgemeinmediziner vorbereitet, erklärt Dr. Karsten Gilbrich.

Auch die Enkel wollen Ärzte werden

„Ich werde die freie Zeit genießen und zusammen mit Brunhild auch noch verreisen.“ Das Ehepaar pflegt im Ort viele Kontakte, auch mit dem Nachbarn Wartenberg. Gern hört Ernst Gilbrich, wenn Dieter Wartenberg von Äthiopien erzählt. Und auch zu (ehemaligen) Ärzten ist das Verhältnis nicht abgerissen. Gerade war Anton Schreiber, lange Arzt in Schollene, zu Besuch und es wurde über alte Zeiten und die Herausforderungen, denen sich die Ärzte heutzutage beispielsweise mit aufwendigem Abrechnungssystem stellen müssen, geplaudert.

Dass auch die Kinder von Karsten, Johannes und Friedrich, Ärzte werden wollen und sich mitten im Studium befinden, freut Ernst Gilbrich. Und auch die Tochter von Sohn Matthias studiert in Marburg Medizin.

Der weiße Arztkittel wird nun also nur noch hin und wieder aus dem Schrank geholt. Wehmütig ist Ernst Gilbrich nicht, wenn er an die zurückliegenden 51 Jahre denkt. „Mein Beruf hat mich ausgefüllt, ich habe zu keinem Zeitpunkt damit gehadert, auch wenn es schwere Stunden gab, wenn ich nicht mehr helfen konnte. Ich bin mit den Menschen hier alt geworden, dafür bin ich dankbar.“