Elbenau/Calenberge l Dass Tim für sein Alter ziemlich klein ist, fällt gar nicht auf, wenn man ihn allein sieht. Umringt von anderen Kindern in seinem Alter aber umso mehr. So war es auch am Sonnabend, als sich die Einschüler der Freien Waldschule Elbenau in Reih‘ und Glied aufstellten, um die besten Plätze des kleinen Amphitheaters der Grundschule in Elbenau einzunehmen.

Umringt von ihren Eltern, Großeltern und Freunden stand für 18 Kinder aus Schönebeck und Magdeburg an diesem Tag – wie für viele andere Kinder in ganz Sachsen-Anhalt – ihre Einschulung an.

Kinder überragen Tim

„Ich musste erstmal schauen, wo Tim überhaupt ist, bis ich ihn verdeckt hinter einem anderen Kind gefunden habe“, sagt seine Mutter Jeannette Perlberg nach der Einschulung. Seine neuen Klassenkameraden überragen den Jungen aus dem Magdeburger Stadtteil Calenberge teils um einen Kopf – selbst einige Mädchen der neuen Stammgruppe „Ulme“ sind deutlich größer.

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Kein Wunder: Tim ist kleinwüchsig. Kleinwüchsig insofern, dass die Körpergröße des Sechsjährigen schon immer unterhalb der der altersentsprechenden Normgrenzen geblieben ist. Die Diagnose erhielten die Eltern Jeannette und André Perlberg als Tim gerade mal sechs Monate alt war.

Besonders deutlich wurden die mit seiner geringen Körpergröße einhergehenden Einschränkungen beim traditionellen Einläuten der Schulanfänger bevor es für Tim und seine neuen Klassenkameraden in ihren Klassenraum ging.

Glocke läuten wird zum Problem

Das Team um Schulleiter Frank Faust hatte für die Kinder extra einen Hocker bereitgestellt, damit jedes von ihnen die massive Glocke neben der Schuleingangstür einmal ertönen lassen kann. Doch selbst der Hocker als Hilfe reichte für Tim, im Gegensatz zu den anderen Kindern, nicht aus. Auch mit größter Mühe kam er an die Schnur zum Läuten einfach nicht ran.

Dass das passieren würde, hatte Schulleiter Frank Faust bereits vorhergesehen, schnappt sich Tim und hob ihn bis zur Glockenschnur. Tränen in den Augen von Mutter Jeannette Perlberg, die mit ihrem Mann André und vielen Verwandten zur Einschulung in die Freie Waldschule gekommen war. „Das sind die Kleinigkeiten“, sagt sie und wischt die Tränen weg.

Eltern-Schule-Gespräch

Dass Tim die Waldschule besuchen würde, stand bereits seit seiner Anmeldung im Jahr 2015 fest, weshalb sich Schulleiter Frank Faust und Tims Eltern schon vor eineinhalb Jahren erstmals zusammengesetzt haben, um zu überlegen, wie man Tim den Start in die Schule trotz seiner geringen Körpergröße so leicht wie möglich machen könnte. „Im Eltern–Schule–Gespräch ist es unsere Aufgabe, den Eltern Wege aufzuzeigen, wie die Kinder bestmöglich gefordert und gefördert werden können“, sagt Schulleiter Frank Faust.

So erhielten Tims Eltern seitens der Schule den Hinweis, dass sie einen Integrationshelfer beantragen können, der Tim es ermöglicht, integrativ an der Freien Waldschule zu lernen. Tatsächlich haben Jeannette und André Perlberg bei der Stadt Magdeburg einen Antrag auf „Leistungen von ambulanter Eingliederungshilfe in Form einer Integrationshilfe“ gestellt.

Um feststellen zu können, ob Tim diese Hilfe zusteht, wurde der Sechsjährige unter anderem amtsärztlich untersucht. Der Kleinwuchs und eine andere, den Eltern bereits bekannte chronische Erkrankung, wegen der Tim auch während des Unterrichts trinken und die Toilette benutzen darf, wurden bestätigt – der Integrationshelfer dennoch abgelehnt.

Keine Integrationshilfe für Tim

Die Begründung: Tim sei laut einer Bescheinigung des Klinikums Magdeburg voll belastbar. Der von der Schule beschriebene Unterstützungsbedarf sei von dieser im Rahmen des sonderpädagogischen Förderbedarfs abzudecken.

„Als Schule sind wir sehr enttäuscht darüber, dass Tim diese Hilfe verwehrt wird, da wir schon Kinder mit Integrationshelfer an unserer Schule hatten bzw. haben und sehr gute Erfahrungen damit gemacht“, sagt Schulleiter Frank Faust. Und auch Tims Eltern sind enttäuscht. „Es wird sich zeigen, welche Probleme Tim in der Schule tatsächlich bekommen wird“, sagt Jeannette Perlberg. Ein Arbeitsplatz der seiner Größe entspricht, wurde für Tim von der Schule eingerichtet.

Aufgeben ist keine Option

Noch wollen Familie Perlberg und die Schule aber nicht aufgeben und planen erneut einen Antrag auf Integrationshilfe zu stellen – damit Tims Schulzeit soweit wie möglich ohne Hindernisse aufgrund seiner kleinen Körpergröße verlaufen kann.