Kiel (dpa) - Wie konnte das passieren? Die Marine war der Liebling von Kaiser Wilhelm II. - und ausgerechnet Matrosen leiten den Sturz der Monarchie ein. Von ihrem Aufstand in Kiel Anfang November 1918 springt schnell ein revolutionärer Funke auf das Reich über.

Am 9. November dankt Wilhelm ab. Die dramatischen Ereignisse zeichnet das Doku-Drama "1918 Aufstand der Matrosen" nach, das Arte am Dienstag (20.15 Uhr) zeigt. Mit einem Mix aus Originalaufnahmen, Spielfilmszenen und Politikerstatements erinnert der Regisseur Jens Becker an ein lokales Ereignis von historischer Bedeutung.

"So kurz vor dem Frieden wollen wir Matrosen die Knochen dafür nicht mehr hinhalten", sagt zu Beginn der Marinesoldat Werner Mewes. Dafür - das ist der längst verlorene Krieg, in dem die Marine noch Tausende mehr in den Tod schicken will - der "Ehre" wegen. Immer mehr Matrosen meutern dagegen. "Es ist eins der unterschätztesten, aber zugleich bedeutendsten Ereignisse in der neueren Geschichte der Deutschen", sagt zur historischen Einordnung der frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsident Björn Engholm (SPD). "Es ist der einzige, nicht völlig gelungene, Versuch einer Revolution, einer halben Revolution."

Der anderthalbstündige Film zeigt Originalbilder einer Stadt mit 240.000 Einwohnern, darunter 50.000 Militärs und 33.000 Werftarbeiter, die vor allem Kriegsschiffe bauen. Matrosen bekommen 70 Pfennig Tagessold, werden als Menschen zweiter Klasse schikaniert. Und sie haben Angst, noch einen sinnlosen Kriegstod sterben zu müssen. In den ersten Novembertagen radikalisieren sich viele sehr schnell, verweigern Befehle, gehen auf die Straße, treffen sich am Gewerkschaftshaus, verbünden sich mit revolutionären Arbeitern.

"Dieser sinnlose Krieg, der hat genug unschuldige Opfer gefordert", sagt der Matrose Karl Artelt (Lucas Prisor), der mit seiner Verlobten Helene (Henriette Confurius) im Mittelpunkt des Doku-Dramas steht. "Wir können das Blutvergießen beenden, wenn wir uns alle einig sind."

Der mit allen Befugnissen ausgestattete Gouverneur, Admiral Wilhelm Souchon (Ernst Stötzner), fühlt sich noch stark. "Wenn die Roten sich mit mir anlegen wollen, sollen sie nur kommen", sagt er. Wegen Befehlsverweigerung und Aufwiegelung zur Meuterei landen Anführer im Arrest. Andere ziehen in Massen durch die Stadt, schwenken rote Fahnen, singen die Internationale. In der Konditorei "Kaiser" essen gut Betuchte feine Torten. Draußen gibt es Tote und Verletzte.

Der Gouverneur verhängt "Stadtalarm", verfügt aber auch: "Keine Eskalation, kein Schusswaffengebrauch, auch nicht in der Arrestanstalt!". Matrosen wollen die eingesperrten Gefangenen befreien. Und der Gouverneur sagt: "Wenn wir die Lage wieder im Griff haben, dann gnade Gott diesen Meuterern!" Er lässt Reserveeinheiten auch Berlin kommen - und bietet den Matrosen Verhandlungen an. Auf den Straßen fallen Schüsse. Infanteriesoldaten kommen in die Stadt - und verbrüdern sich mit Matrosen, die die Freilassung der politischen Gefangenen fordern und Presse- und Redefreiheit.

Der Gouverneur lässt aus Berlin zur Beruhigung der Situation einen sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten kommen, der mit den Aufständischen reden soll. "Was ist denn das überhaupt für ein Geballer hier?", fragt Gustav Noske. "Noske war ein Mann der Ordnung, kein Mann der Veränderung und des Umsturzes", sagt Engholm. Eher ein Nachlassverwalter der untergehenden Monarchie. Noch härter urteilt die Linke Sarah Wagenknecht: "Er hat sich wirklich einfach verkauft an die Machthaber und hat tatsächlich ganz bewusst Politik gegen die gemacht, die ihn gewählt hatten und die ihm vertraut haben".

Am 5. November übernehmen die Revolutionäre in Kiel die Macht, es gibt Schießereien mit zehn Toten. Noske wettert: "Die Matrosen schlagen über die Stränge". Er fordert Disziplin, und er lässt sich an die Spitze des Arbeiter- und Soldatenrates wählen.

Der Film zeigt symbolisch die Spaltung der Sozialdemokratie: Der radikale Karl Artelt prügelt sich mit dem gemäßigten August Hartung (Alexander Finkenwirth), Bruder seiner Verlobten Helene. "Seid ihr komplett verrückt geworden?", ruft Helene. "Ihr habt doch den gleichen Feind - warum bekämpft ihr euch dann gegenseitig?" Es folgt ein zögerlicher Händedruck.

Am selben Tag spricht Noske beim Gouverneur vor: "Geben Sie mir 24 Stunden, Exzellenz, und es herrscht wieder Ruhe in der Stadt!". Die Bedingung einer vollständigen Amnestie für die Matrosen akzeptiert der Gouverneur schließlich aus Angst vor weiterer Eskalation. Noske beruhigt die verängstigte Gouverneursfrau. Der Kaiser werde zwar abdanken müssen und die Republik werde kommen, aber: "Das werden goldene Zeiten - wir sind ja keine Bolschewiki".

Schließlich erklärt sich Noske selbst zum Gouverneur und schickt alle Matrosen in den Urlaub. Die Soldaten tragen die revolutionären Ideen ins Land. Am Ende steht eine bürgerliche Republik, die bis 1933 hält.

Matrosenaufstand und Novemberrevolution zeigten, dass ein Volk sich aus sich heraus emanzipieren könne, sagt Engholm im Schlusswort zum Film. "In einer Zeit heute, wo das politische Engagement, wie ich finde, eher zu wünschen übrig lässt, wäre die Erinnerung daran, dass aus dem Volk heraus sehr viel mehr Impulse kommen können, etwas Bedeutsames für die heutige Demokratie."