Berlin (dpa) - Gepflegte Bärte, Muskeln und dicke Autos - Agit, Ahmad, Parham, Kianush und Sinan weisen nicht nur äußerlich viele Gemeinsamkeiten auf. Die fünf Männer verbindet auch eine ähnliche Biografie. Sie ist durch Migrationshintergrund und die Zugehörigkeit zu einer Gang oder Großfamilie geprägt.

Wie die Männer in diesen Strukturen handeln, fühlen und denken, veranschaulicht an diesem Mittwoch (22.05 Uhr) eine Dokumentation auf Arte. Der Film taucht ein in eine interessante Parallelgesellschaft und versucht zu ergründen, welche Codes für die Lebenswelt ihrer Mitglieder bestimmend sind. Wie kommt es zu der gesellschaftlichen Abgrenzung? Welche Rolle spielt dabei die Herkunft? Wie wichtig ist das Familienband? Diesen Fragen gehen die beiden Regisseure Noël Dernesch und Oliver Waldhauer nach, indem sie das Wort ausschließlich ihren Protagonisten überlassen, ohne kommentierend einzugreifen.

In zahlreichen Momentaufnahmen plaudern die fünf Männer über ihre Erfahrungen und Befindlichkeiten. Dass sie keinen bildungsbürgerlichen Lebensweg hinter sich haben, macht sich bereits in ihrer Ausdrucksweise und Körpersprache bemerkbar. Szene-Slang und temperamentvolle Gestik ist für ihren Konversationsstil genauso charakteristisch wie Kriminalität für ihren Alltag. Völlig offen erzählen sie von Körperverletzungen, Raubüberfällen, Drogenhandel und anderen Straftaten, die ihnen alle Möglichkeiten zunichte machten, einen konventionellen Beruf auszuüben.

Dafür öffnete ihre "Street Credibility" andere Türen. Während Parham und Kianush als Rapper reüssieren, hat Sinan neben der Hip-Hop-Karriere sein künstlerisches Talent auch schauspielerisch unter Beweis gestellt - zuletzt in der Netflix-Serie "Dogs of Berlin", wo er einen Clan-Boss darstellte. Agit und Ahmad leiten Autovermietungen, Kioske oder Shisha-Bars, wo die Protagonisten den Großteil ihrer Freizeit verbringen. Man sieht sie aber auch oft beim Barbier, im Fitnesscenter oder in Hinterzimmern von Wettbüros.

Durch solche Aufnahmen entsteht ein authentisches Porträt. Und obwohl der Film keinem erkennbaren roten Faden folgt und größtenteils auf der Oberfläche bleibt, gelingt es ihm dennoch, eine gewisse Faszination auszulösen. Beim 34. Internationalen Dokumentarfilmfestival München gab es dafür den Publikumspreis.

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