Berlin (dpa) - Wenn man quer durch Deutschland reist, dann hört man in jedem Bundesland einen anderen Dialekt, und oft sogar noch in den verschiedensten Regionen. Von der großen weiten Welt ganz zu schweigen.

Sie alle mögen für Ortsfremde nahezu unverständlich sein, doch stellen sie ein hohes Kulturgut dar. Dass dieses aber massiv bedroht ist, zeigt die Dokumentation Das große Sprachensterben, die an diesem Donnerstag (20.15 Uhr) auf 3sat zu sehen ist.

Heutzutage sprechen viele Menschen nicht mehr nur ihre Muttersprache, sondern dazu noch zwei, drei oder noch mehr Fremdsprachen, vor allem in Europa. In einer zunehmend globalisierten Welt verständigt sich derzeit etwa die Hälfte der Weltbevölkerung in 19 Sprachen, wovon vier nach den Angaben im Film am meisten verbreitet sind: Auf Platz 1 liegt Chinesisch, das von knapp 1,2 Milliarden Menschen gesprochen wird. Mit deutlichem Abstand folgen Spanisch (400 Mio) und Englisch (335 Mio). Deutsch als Muttersprache (78 Mio) liegt auf Rang 12. Etwa 70 bis 90 Prozent der insgesamt existierenden 6500 Sprachen werden wohl bis zum Ende des 21. Jahrhunderts aussterben - oder anders gesagt: Fast alle zwei Wochen verstummt eine Sprache auf dieser Welt.

Es droht also Gefahr: Rund um den Globus sterben so viele Sprachen aus wie noch nie. Und das obendrein in einem geradezu atemberaubenden Tempo, warnt im Film Nikolaus Himmelmann von der Gesellschaft für bedrohte Sprachen. Sprache ist ja so etwas wie Mode. Das sind Statements, die der Mensch macht, auch über die sozialen Netzwerke. 60 Prozent der Deutschen sprechen einen Dialekt - das Norddeutsche liegt dabei klar vor dem Bayerischen. Viele Menschen hierzulande sprechen aber heute keinen Dialekt mehr.

Noch bis weit in die 80er Jahre hinein wurde Mundart mit niedrigem Bildungsniveau gleich gesetzt; Kinder sollten Hochdeutsch und Englisch lernen, um in der modernen Welt bestehen zu können. Mittlerweile hat sich Denglisch etabliert, das Begriffe aus beiden Sprachen durchmischt. Die ursprünglichen Dialekte verschwinden, die Sprachfärbung wird jedoch bleiben. In Deutschland gibt es derzeit 287 zweisprachige Grundschulen - meist neben deutsch mit englisch, französisch und dänisch als Unterrichtssprache in allen Fächern.

Die Dokumentation von Meike Srowig (40) begleitet die einjährige Nepheli ein Jahr lang mit der Kamera. Ihr Papa Aristos spricht mit ihr und ihrem Bruder griechisch, ihre Mutter Marie spricht deutsch, und beide zusammen englisch - weil sie sich sonst nicht verstehen würden. Die Autorin wollte wissen, wie das kleine Mädchen auf die Vielsprachigkeit in ihrem Umfeld reagiert. Fest steht, dass sie in Zukunft alle drei genannten Sprachen wird beherrschen müssen, um mit ihrer Familie zu kommunizieren.

Im Heimatdorf der Familie im oldenburgischen Saterland sprechen etwa 2000 Menschen saterfriesisch und stellen damit die kleinste Sprachinsel innerhalb Europas dar. Seit 2009 steht das saterfriesisch dort wieder auf dem Stundenplan, und Grundschullehrerin Ingeborg Reimers erläutert dazu im Film: Zweisprachig aufwachsende Kinder haben einen großen Bildungsvorteil, und eine Sprache kann nur überleben, wenn gerade die jungen Leute sie auch sprechen. Der Sprachtod tritt dann ein, wenn eine Generation die betroffene Sprache nicht mehr sprechen und weitergeben kann.

Das klingt einleuchtend. Ebenso wie das Fazit des Films: Gerade Minderheiten sollen nicht nur Hochdeutsch lernen, sondern ihren Heimatdialekt, denn der stellt als kulturelles Erbe oft einen richtigen Schatz dar, den es zu erhalten gilt. Sprachwissenschaftler, Germanisten, Lehrer, Neuropsychologen kommen in der Sendung zu Wort - teilweise legen sie Audio- und Videodateien an, um Dialekte und Idiome zu erhalten, und sie weisen auch darauf hin, dass Katastrophen wie Kriege, Flucht und Vertreibung zum massiven Aussterben einer Sprache führen werden.