Berlin (dpa) - Wie weit dürfen Polizisten gehen, um Verdächtige in der Vernehmung zum Geständnis zu bewegen? Ist die Exekutive moralisch berechtigt, zu illegalen Methoden zu greifen, wenn dadurch Menschenleben gerettet werden könnten?

Fragen, die ein demokratisches Staatswesen im Kern berühren - und viele Bürger im Inneren bewegen. Das betrifft etwa den Umgang mit Terroristen von rechts und links ebenso wie den mit Entführern. Man erinnere sich an den Aufsehen erregenden Fall des entführten elf Jahre alten Jakob von Metzler 2002. Der damalige stellvertretende Frankfurter Polizeipräsident hatte dem Verdächtigen Folter androhen lassen.

Ein Beispiel, das der Schauspieler Peter Kurth ("Tatort") nach eigenem Bekunden im Hinterkopf hatte, als er im Herbst 2019 beim Dreh des stimmungsträchtigen Thrillers "Im Abgrund" die Rolle des Ermittlers Wallat spielte - zu sehen am Sonnabend um 20.15 Uhr im Ersten. Denn in der von Stefan Bühling inszenierten Geschichte nach dem Drehbuch von Arndt Stüwe geht es genau darum - um Kindesentführung, Folter und Mord.

Wallat, ein raubeinig-sensibler Mann, der spät Vater geworden ist, hat es vor 15 Jahren mit zwei verschwundenen Jungen zu tun gehabt, von denen mindestens einer in einer Holzkiste im Wald vergraben wurde und dort verdurstete.

Der andere blieb verschwunden. Als Täter machte der Kommissar den hochintelligenten Zyniker Hagenow (Tobias Moretti) dingfest. Doch nun kommt Hagenow frei und findet Unterschlupf beim idealistischen Pastor Berkenbusch (Florian Stetter), der jedem Menschen eine zweite Chance zugesteht. Und er wird von der Kripo observiert.

Wallat übernimmt die Leitung des LKA-Teams. Sein inoffizieller Auftrag: Er soll den bis heute als hochgefährlich geltenden Mann für immer hinter Gitter bringen. Dann verschwindet wieder ein Kind. War es Hagenow? Im Team scheiden sich die Geister, wie man mit dem Verdächtigen, der sich brillant provozierend wie eine gefährliche Schlange bewegt, umzugehen hat.

"Das ist ein Problem, das die Menschheit beschäftigt, seitdem sie in Sippen zusammenlebt - welche Mittel sind rechtens, um etwas zu erreichen, das man für richtig hält", sagt der 63-jährige Kurth im Telefoninterview der Deutschen Presse-Agentur.

Er fährt fort: "Da geht es um Verbrechen und Tötung, um die Existenz und das zutiefst Menschliche. Der Fall wirft die Frage auf, wie wir zu Aspekten wie 'Political Correctness' stehen. Das ist diskussionswürdig. Und es gibt dazu sehr, sehr viel zu diskutieren." Der Schauspielstar hofft, damit viele Zuschauer zu motivieren, sich vertieft eigene Gedanken zu machen. "Da wird es viele Haltungen geben - und das finde ich gut", sagt Kurth.

Herbstlich-diesig ist die Atmosphäre des Thrillers, der in Hamburg, im nahen Elbstädtchen Lauenburg und in der Lüneburger Heide gedreht wurde. Die Produktion wirkt packend und glaubwürdig vor allem dank differenzierter Rollengestaltungen der beiden großarigen Hauptdarsteller. Wenn einige Aspekte der Erzählung auch konstruiert erscheinen mögen, so setzt man sich darüber am besten großzügig hinweg.

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