Berlin (dpa) - Weltweit sind über 800 Millionen Menschen von extremer Armut und von Hunger betroffen, ein Viertel davon allein in Afrika. Um die Armut wirkungsvoll zu bekämpfen, reichen die staatlich verordneten Mittel nicht mehr aus - die Privatwirtschaft rückt zunehmend in den Fokus und übernimmt den Part, den eigentlich die Regierungen westlicher Länder erfüllen sollten.

Aber taugen Konzerne wirklich als Heilsbringer? Dieser spannenden Frage will die Dokumentation "Konzerne als Retter" nachgehen, die an diesem Dienstag (20.15 Uhr) auf Arte zu sehen ist.

Immer mehr Banken und Firmen engagieren sich in der Flüchtlingshilfe - und das mit Hilfe der Politik. Die Vereinten Nationen haben sich ehrgeizige Ziele gesetzt: Bis zum Jahr 2030 sollen Armut und Hunger weltweit beendet werden - was nur mit Hilfe von solchen Unternehmen möglich ist, die sich hier gezielt einbringen wollen. Das tun sie natürlich nicht uneigennützig, denn schließlich wollen auch Aktionäre und Klienten gut bedient sein. Und ob diese Hilfe auch wirklich bei den Hungernden ankommt, bleibt ebenso zweifelhaft wie bisher schon.

Die Autoren Valentin Thurn und Caroline Nokel ("10 Milliarden - wie werden wir alle satt?") stellen sieben Beispiele aus Ostafrika vor, aus Kenia, Sambia und Tansania. Einer der Geldgeber, die German Food Partnership (GFP), setzt sich so zusammen: Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die Bill & Melinda Gates Stiftung und 30 Agrarunternehmen spenden zusammen 80 Millionen Euro. Ein Bruchteil davon (etwas über eine Million Euro) kommt den Kartoffelbauern in Kenia zugute, die mit ihrem Anbau auch einen Gewinn erzielen sollen. Von Fachleuten wird dabei allerdings bemängelt, dass der Anbau am Bedarf der Menschen und des Marktes vor Ort vorbeigeht und der Boden eine zu schlechte Qualität hat. Zudem drohen neue und aggressive Krankheiten wie die Kartoffelfäule für die Pflanzen, was wiederum die Behandlung durch Insektizide erforderlich macht.

An regionalen afrikanischen Kartoffelsorten sind die Konzerne indes nicht interessiert, weshalb Kartoffelsorten importiert werden. "Unternehmen interessieren sich nur für die Menge der Ernte und ihren ökonomischen Wert", sagt Nora McKeon, Agrarwissenschaftlerin an der Universität in Rom, dazu im Film. "Der Maßstab, den sie anlegen, ist der Ertrag pro Pflanze. Das Mittel dazu sind teure externe Inputs". Damit sind synthetische Dünger und Pestizide gemeint, ohne die die ertragreichen und importierten Kartoffeln nicht wachsen. Um das zu erreichen, müssen sich die Bauern oft verschulden. Ein weiteres Beispiel sind Investmentfonds, die Entwicklungsgelder nutzen, um mit gigantischen Soja- und Maisplantagen eine gute Rendite für Anleger in Deutschland zu erzielen. Besonders krass mutet der sogar mit Förderbeträgen unterstützte Import von tiefgekühlten Waren an. Eine Pizza aus dem Kühlregal kostet allerdings 7,80 Euro, was sich in Nairobi nur wenige Menschen der Oberschicht leisten können.

Der aufwendig recherchierte und sachlich kommentierte Film - mit vielen Statements von Politikern, Konzernbeauftragten und Agrarforschern - zeigt eindrucksvoll den Missbrauch staatlicher Entwicklungsgelder durch die europäische Industrie und ihre Profiteure auf, die die Regeln aufstellen. Er macht auch den Konflikt zwischen industrieller und kleinbäuerlicher Landwirtschaft sehr anschaulich deutlich. Selbst ein kenianischer Bauer braucht Wissen und Kapital, um sichere Erträge zu erzielen, was nur für einen Bruchteil von ihnen gilt und eine befremdliche Entwicklung darstellt.

Hierzulande wird so etwas gerne als "Hilfe zur Selbsthilfe" bezeichnet, was hier allerdings geschickt verschleiert, dass es eben beispielsweise nicht um die Bedürfnisse der Kleinbauern geht, die ja die Menschen ernähren und doch das Nachsehen haben. Im Film wird ein Trecker vorgefahren, den sich kein Bauer in Kenia wirklich leisten kann, der sich aber als Show-Effekt ganz gut macht. Fazit: Landwirtschaft als Geschäft taugt nicht wirklich zur Beseitigung des Hungers. Der im Film gezeigte Ansatz aus Mitleid und Almosen könnte vielmehr den Handel, das Wachstum und die Investitionen in Afrika langfristig untergraben und damit die gut gemeinte Entwicklungshilfe ins Gegenteil verkehren.

Konzerne als Retter